1899 – Die Dame und das Hündchen

Anton Pawlowitsch Tschechow (1860 – 1904)

aus: Von der Liebe, Übers. v. Alexander Eliasberg, Weimar: Kiepenheuer Verlag, 1917

 

I

Man erzählte sich, daß am Strande ein neuer Kurgast  aufgetaucht sei: eine Dame mit einem Spitz.

Die Dame mit dem Spitz
Skulptur auf dem Petrovskaja-Damm, Astrachan

Dmitrij Dmitrijewitsch Gurow, der schon seit vierzehn Tagen in Jalta war und sich an das Badeleben gewöhnt hatte, interessierte sich bereits wie die andern für jeden neuen Menschen. Als er im Erfrischungspavillon von Vernet am Strande saß, sah er eine junge Dame in einem Barett über den Strand gehen; sie war klein und blond, und ein weißer Spitz folgte ihr.

Später traf er sie einige Male im Stadtpark und in den Anlagen. Sie ging immer allein, immer im gleichen Barett und immer von ihrem weißen Spitz begleitet; niemand wußte, wer sie war, und man nannte sie einfach: die Dame mit dem Spitz.

„Wenn sie hier ohne ihren Mann und ohne Bekannte ist,“ sagte sich Gurow, „so sollte ich eigentlich ihre Bekanntschaft machen.“

Er war noch nicht vierzig Jahre alt, hatte aber bereits eine zwölfjährige Tochter und zwei Söhne im Gymnasium. Er wurde jung verheiratet, als er noch Student in den ersten Semestern war, und seine Frau sah jetzt eineinhalb Mal so alt aus wie er. Sie war groß, solid und würdevoll, hielt  sich stets kerzengerade, hatte dunkle Augenbrauen und zählte sich selbst zu den „denkenden Frauen“. Sie las sehr viel, schrieb die vereinfachte Reformorthographie und redete ihren Mann statt mit Dmitrij mit der veralteten Form Dimitrij an. Er hielt sie aber für unklug, beschränkt, unschön, hatte vor ihr eine gewisse Scheu und mied nach Möglichkeit ihre Gesellschaft. Er nahm es mit der ehelichen Treue seit vielen Jahren nicht mehr genau, hinter ging sie sehr oft und hatte wohl deswegen eine schlechte Meinung von den Frauen im allgemeinen; wenn in seiner Gegenwart von ihnen gesprochen wurde, so sagte er verächtlich:

„Eine niedere Rasse!“

Er glaubte, daß ihm die vielen schlechten Erfahrungen, die er mit den Frauen gemacht hatte, das Recht dazu gaben, sie wie es ihm gerade paßte, zu nennen; und doch könnte er ohne diese „niedere Rasse“ auch keine zwei Tage auskommen. In Männergesellschaft langweilte er sich und war wortkarg und kühl; aber wenn er sich unter Frauen  befand, fühlte er sich ungezwungen und wußte, worüber mit ihnen zu sprechen und wie sich zu benehmen; selbst das Schweigen fiel ihm unter ihnen sehr leicht. In seinem Äußern und Charakter, in seinem ganzen Wesen war etwas undefinierbar Anziehendes, was die Frauen reizte und lockte; er war sich dessen bewußt und fühlte sich auch selbst von einer rätselhaften Macht zu den Frauen hingezogen.

Die vielfältige und tatsächlich bittere Erfahrung hat te ihn längst gelehrt, daß jede Annäherung, die anfangs eine angenehme Abwechslung ins Leben bringt und als  ein reizvolles, flüchtiges Abenteuer erscheint, bei anständigen Menschen, und ganz besonders bei den schwerfälligen und unentschlossenen Moskauern, unvermeidlich zu einer ungemein komplizierten Aufgabe anwächst, so daß die Situation schließlich unerträglich wird. Aber so oft er einer neuen interessanten Frau begegnete, entglitt diese Erfahrung seinem Gedächtnisse; er fühlte nur Lebenslust, und alles erschien ihm einfach und amüsant.

Als er eines Abends im Stadtparke zu Mittag aß, kam die Dame im Barett langsam zum Nebentisch und nahm Platz. Ihr Gesichtsausdruck, Gang, Toilette und Frisur ließen darauf schließen, daß sie der anständigen Gesellschaft angehörte, verheiratet war, sich zum erstenmal in Jalta aufhielt und sich hier langweilte … In all den Erzählungen über die in Jalta herrschenden laxen Sitten ist ja vieles übertrieben und erlogen; Gurow kannte diese Er zählungen und verachtete sie, weil er wußte, daß sie von Menschen erfunden werden, die selbst gerne sündigten, wenn sie es könnten; aber als die Dame sich am Nebentische, kaum drei Schritte von ihm entfernt, niederließ, kamen ihm doch diese Geschichten von leichten Eroberungen und den berüchtigten Ausflügen ins Gebirge wieder in den Sinn, und seiner Phantasie bemächtigte sich der verführerische Gedanke an ein flüchtiges Verhältnis, an ein galantes Abenteuer mit einer unbekannten Dame, deren Namen er nicht einmal kannte.

Er lockte den Spitz zu sich heran und drohte ihm mit dem Finger. Der Spitz knurrte. Gurow neckte ihn wieder.

Die Dame sah ihn an und senkte gleich darauf ihre Augen.

„Er beißt nicht,“ sagte sie errötend.

„Darf ich ihm einen Knochen geben?“ Als sie darauf bejahend nickte, fragte er höflich: „Sind Sie schon lange in Jalta?“

„Seit fünf Tagen.“

„Und ich sitze schon die zweite Woche hier.“

Beide schwiegen eine Weile.

„Die Zeit vergeht so schnell, und doch ist es hier so langweilig!“ sagte sie, ohne ihn anzublicken.

„Es ist eigentlich nur eine Redensart, daß es hier langweilig ist. Der gute Bürger lebt irgendwo in der tiefsten Provinz, in Bjelew oder Shisdra, und langweilt sich nicht; kaum ist er aber hier, so jammert er gleich: Ach, diese Langeweile! Ach, dieser Staub! Man könnte meinen, daß er aus Granada kommt.“

Beide lachten. Dann aßen sie weiter und schwiegen, als ob sie miteinander gar nicht bekannt wären; aber nach dem Essen gingen sie Seite an Seite fort, und zwischen ihnen entspann sich ein scherzhaftes, leichtes Gespräch, wie es müßige und satte Menschen führen, denen es ganz gleich ist, wohin sie gehen und worüber sie sprechen. Sie spazierten und sprachen davon, wie sonderbar das Meer an diesem Abend beleuchtet sei: das Wasser hatte einen weichen und warmen fliederfarbenen Ton, und der Mond spiegelte sich darin als ein goldener Streifen. Sie sprachen, wie schwül es nach dem heißen Tage sei. Gurow erzählte ihr, daß er aus Moskau stamme, Philologie studiert habe, aber an einer Bank angestellt sei; er hätte früher einmal  die Absicht gehabt, zur Oper zu gehen, hätte es aber aufgegeben; nun besitze er in Moskau zwei Häuser … Von  ihr erfuhr er, daß sie in Petersburg aufgewachsen sei, aber nach S. geheiratet habe, wo sie bereits seit zwei Jahren  lebe, daß sie in Jalta noch einen Monat zu bleiben beabsichtige und daß ihr Mann einen Erholungsurlaub zu nehmen und sie abzuholen gedenke. Sie konnte nicht genau angeben, wo ihr Mann eigentlich angestellt war: ob bei der Gouvernementsverwaltung oder bei der Gouvernements-Semstwoverwaltung, und das kam ihr selbst sehr komisch vor. Schließlich erfuhr Gurow, daß sie Anna Sergejewna hieß.

Später in seinem Hotelzimmer dachte er an sie und daß er sie auch morgen bestimmt wiedersehen würde. So mußte es sein. Als er zu Bett ging, fiel ihm ein, daß sie noch vor so kurzer Zeit Institutsschülerin gewesen sei, wie es jetzt seine Tochter war, und daß ihre Art zu lachen und mit einem Unbekannten zu sprechen von großer Schüchternheit und Unbeholfenheit zeuge: sie war wohl zum erstenmal in ihrem Leben allein in dieser Situation, wo man ihr mit einer ganz bestimmten Nebenabsicht nachging, sie anschaute und ansprach, mit einer Nebenabsicht, die sie doch ganz bestimmt ahnen mußte. Und dann dachte er  noch an ihren feinen zarten Hals und ihre schönen grauen Augen.

„Es ist doch etwas Rührendes an ihr,“ sagte er sich vor dem Einschlafen.

 

 

 

II

Nun waren sie schon seit acht Tagen bekannt. Es war ein Feiertag. In den Zimmern war es schwül, und in den Straßen hob der Wind Staubwolken empor und riß die Hüte von den Köpfen. Man hatte den ganzen Tag Durst, und Gurow ging jeden Augenblick zum Pavillon und bot Anna Sergejewna bald Fruchtwasser, bald Gefrorenes an. Man wußte nicht, wohin man sich vor der Hitze retten sollte.

Abends, als der Wind sich etwas gelegt hatte, gingen sie auf die Mole hinaus, um die Ankunft des Dampfers zu sehen. Im Hafen waren viele Spaziergänger; jemand wurde erwartet, viele hatten Blumensträuße in der Hand. Zwei Eigentümlichkeiten der eleganten Jaltaer Gesellschaft fielen hier besonders auf: die älteren Damen waren viel zu jugendlich gekleidet, und es gab eine Menge Generäle.

Da die See sehr bewegt war, kam der Dampfer mit einer Verspätung erst nach Sonnenuntergang; ehe er anlegte, manövrierte er lange hin und her. Anna Sergejewna betrachtete durch ihr Lorgnon das Schiff und die Passagiere, als ob sie unter diesen einen Bekannten suchte, und wenn sie sich an Gurow wandte, leuchteten ihre Augen.  Sie sprach sehr viel und stellte kurze, abgerissene Fragen, die sie gleich wieder vergaß; später verlor sie im Gedränge ihr Lorgnon.

Das elegante Publikum verließ allmählich den Hafen; die Gesichter waren im Dunkeln nicht mehr zu erkennen; der Wind hatte sich gänzlich gelegt; aber Gurow und Anna Sergejewna standen noch immer auf der Mole, als erwarteten sie, daß noch jemand vom Schiffe käme. Anna  Sergejewna sprach nicht mehr und roch an ihrem Blumenstrauß, ohne Gurow anzublicken.

„Das Wetter ist am Abend doch noch besser geworden,“  sagte er. „Wo wollen wir nun hin? Sollen wir vielleicht noch irgendwo hinausfahren?“

Sie gab keine Antwort.

Dann sah er sie durchdringend an, umarmte sie plötzlich und küßte sie auf den Mund; der Duft und die feuchte Kühle ihrer Blumen schlugen ihm entgegen. Er blickte gleich darauf ängstlich um sich, ob es nicht jemand gesehen hätte.

„Wollen wir zu Ihnen gehen …“ sagte er leise.

Und sie gingen mit raschen Schritten der Stadt zu.

In ihrem Hotelzimmer war es schwül und roch nach dem Parfüm, das sie im Japanbazar gekauft hatte. Gurow sah sie an und dachte: was es doch nicht für Begegnungen im Leben gibt! Aus seiner Vergangenheit bewahrte er die Erinnerung an sorglose, gutmütige Frauen, die von ihrer Liebe berauscht und ihm für das kurze Glück, das er ihnen schenkte, dankbar waren; an solche, die, wie zum Beispiel seine Frau, ohne aufrichtige Hingebung, mit viel zu viel Redensarten, maniriert und hysterisch liebten und immer so taten, als ob es keine Liebe oder Leidenschaft, sondern etwas viel Wichtigeres wäre; auch an die wenigen sehr schönen und kalten Frauen, deren Gesichtszüge oft einen raubgierigen Ausdruck annahmen und das trotzige Verlangen zeigten, dem Leben mehr abzuringen, als es zu geben vermag; diese Frauen waren launisch, nicht mehr jung, unklug, und herrschsüchtig, und wenn Gurows Leidenschaft sich abkühlte, so erregte ihre Schönheit in ihm nur Haß, und die Spitzen an ihrer Wäsche gemahnten ihn an Fischschuppen.

Aber jetzt hatte er ein unerfahrenes, unbeholfenes junges Wesen vor sich, und das machte ihn verlegen; er hatte plötzlich das Gefühl, als ob jemand an die Tür geklopft hätte. Anna Sergejewna, diese „Dame mit dem Spitz“ faßte das Geschehene sehr eigentümlich und sehr ernst auf, als ob sie nun rettungslos gesunken wäre; jedenfalls hatte er diesen Eindruck, und das machte ihn noch verlegener. Ihre Gesichtszüge wurden plötzlich welk, das lange Haar fiel traurig zu beiden Seiten des Gesichts herab; sie erstarrte wie grambeladen, wie eine büßende Sünderin auf einem alten Gemälde.

„Es ist nicht gut,“ sagte sie. „Sie werden mich jetzt selbst verachten.“

Auf dem Tische lag eine Wassermelone. Gurow schnitt  sich eine Scheibe ab und begann, sie langsam zu verzehren. Mindestens eine halbe Stunde verging in Schweigen.

Anna Sergejewna war rührend; sie atmete die Keuschheit einer anständigen, naiven Frau, die noch wenig vom Leben gehabt hat; die einsame Kerze, die auf dem Tische brannte, beleuchtete nur schwach ihr Gesicht, aber Gurow  konnte erkennen, wie trüb es ihr zumute war.

„Warum sollte ich dich verachten?“ fragte er. „Du weißt selbst nicht, was du sprichst.“

„Gott verzeih mir!“ sagte sie mit Tränen in den Augen.

„Es ist furchtbar!“

„Es klingt, als ob du dich rechtfertigen wolltest.“

„Womit könnte ich mich rechtfertigen? Ich bin ein schlechtes, gemeines Weib, ich verachte mich selbst und  denke nicht an Rechtfertigung. Nicht meinen Mann habe ich betrogen, sondern mich selbst. Und nicht nur jetzt, ich betrüge mich seit Jahren. Mein Mann mag ja ein anständiger und guter Mensch sein, aber er ist ein Lakai! Ich weiß nicht, was er treibt und wo er angestellt ist, aber ich weiß, daß er ein Lakai ist. Als ich ihn heiratete, war ich erst zwanzig. Mich verzehrte die Neugierde, ich wollte etwas Besseres; es muß doch ein anderes, besseres Leben geben, sagte ich mir. Ich wollte leben! Ja, leben, leben … Die Neugierde verzehrte mich … Sie können es nicht verstehen, aber ich schwöre Ihnen bei Gott, mit mir war etwas los, ich konnte mich nicht länger beherrschen und ich sagte meinem Mann, ich sei krank, und reiste nach Jalta …

Und auch hier ging ich wie im Rausche, wie verrückt herum … Und nun bin ich ein gemeines, schlechtes Weib, das ein jeder verachten darf.“

Gurow konnte nicht länger zuhören; ihre Worte langweilten ihn, ihn ärgerte dieser naive Ton, diese unerwartete und deplacierte Beichte; hätte er nicht die Tränen in ihren Augen gesehen, so würde er glauben, daß sie scherze oder Komödie spiele.

„Ich verstehe dich nicht,“ sagte er leise. „Was willst du eigentlich?“ Sie barg das Gesicht an seiner Brust und schmiegte sich an ihn.

„Glauben Sie mir, glauben Sie mir, ich beschwöre Sie …“  sagte sie. „Ich liebe das reine, keusche Leben, und die  Sünde ist mir verhaßt, ich weiß selbst nicht, was ich tue. Einfache Leute sagen: der Böse hat mich verführt. Auch ich kann jetzt von mir sagen, daß mich der Böse verführt  hat.“

„Genug, genug …“ flüsterte er.

Er sah ihr in die unbeweglichen, erschrockenen Augen, küßte sie, sprach ihr leise und zärtlich zu, und sie beruhigte sich allmählich und wurde wieder lustig; nun lachten  sie beide.

Als sie später hinausgingen, war der Strand menschenleer, und die Stadt mit ihren Zypressen sah wie tot aus; aber das Meer brauste, und die Wellen zerschellten am Ufer; eine Barke schaukelte in den Wellen, und auf ihr flackerte wie verschlafen ein mattes Flämmchen.

Sie nahmen eine Droschke und fuhren nach Oreanda.

„Ich habe soeben unten deinen Familiennamen gelesen:  auf der Tafel steht ›von Diederitz‹,“ sagte Gurow. „Ist dein Mann Deutscher?“

„Nein, ich glaube, sein Großvater war Deutscher; er ist griechisch-orthodox.“

In Oreanda saßen sie auf einer Bank in der Nähe der Kirche, blickten auf das Meer hinab und schwiegen. Jalta  war im Morgennebel kaum zu sehen, auf den Bergspitzen lagerten unbeweglich weiße Wolken. Das Laub rührte sich nicht, die Zikaden, und das eintönige, dumpfe Brausen des Meeres sprach vom ewigen Schlafe, der uns alle erwartet. So brauste es hier, als es weder ein Jalta noch ein Oreanda gab, so braust es jetzt, und es wird ebenso gleichgültig und dumpf brausen, wenn wir nicht mehr sind. In dieser Beständigkeit, in dieser Gleichgültigkeit unserm Leben und Sterben gegenüber liegt vielleicht das Pfand der ewigen Erlösung, des ewigen Fortschreitens des irdischen Lebens und seiner ewigen Vervollkommnung. Während er an der Seite der jungen Frau, die im Morgengrauen so schön schien, saß und von der märchenhaften Szenerie des Meeres, der Berge, der Wolken und des un- endlichen Himmels beruhigt und bezaubert war, dachte er daran, wie schön doch alles in dieser Welt sei, alles, mit Ausnahme dessen, was wir selbst tun und denken, wenn wir die höchsten Ziele des Seins und unsere eigene Menschenwürde vergessen.

Irgendein Mann, wahrscheinlich ein Wächter, kam auf sie zu, sah sie an und ging wieder fort. Auch dies erschien ihnen geheimnisvoll und schön. Dann sahen sie das Mor genschiff aus Feodosia kommen; es war von der Morgenröte beleuchtet und hatte keine Signallichter.

„Das Gras ist voller Tau,“ sagte Anna Sergejewna nach langem Schweigen.

„Ja. Wollen wir nach Hause.“

Sie kehrten in die Stadt zurück.

Später trafen sie sich jeden Mittag auf dem Strande, aßen zusammen zu Mittag und zu Abend, gingen spazieren und bewunderten das Meer. Sie klagte, daß sie schlecht schlafe und an heftigem Herzklopfen leide. Sie stellte immer die gleichen Fragen und verzehrte sich bald in Eifersucht, bald in Angst, daß er sie nicht genügend achte. In den Anlagen oder im Park, wenn gerade niemand in der Nähe war, zog er sie oft in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich. Das ewige Nichtstun, diese Küsse am helllichten Tage unter fortwährender Angst, daß es jemand sehen könnte, diese Hitze, die Seeluft und die ihn umgebende Gesellschaft von eleganten, faulenzenden und satten Menschen machten ihn gleichsam zu einem andern Menschen; er sagte Anna Sergejewna immer wieder, wie schön und wie verführerisch sie sei, er war ungeduldig und leidenschaftlich und wich nie von ihrer Seite. Sie wurde aber oft nachdenklich und sagte ihm immer wieder, er möchte doch gestehen, daß er sie verachte, daß er sie gar nicht liebe und in ihr nur ein gemeines Weib sähe. Fast jeden Abend machten sie zur späten Stunde einen Ausflug nach Oreanda oder zum Wasserfall: diese Ausflüge waren immer schön, und die Eindrücke wunderbar und gewaltig.

Ihr Mann sollte kommen. Aber eines Tages schrieb er ihr, daß er Augenschmerzen bekommen habe; sie möchte so bald wie möglich heimkehren. Anna Sergejewna machte nun eilige Vorbereitungen zur Abreise.

„Es ist gut, daß ich verreise,“ sagte sie zu Gurow. „So will es das Schicksal.“

 

Sie reiste von Jalta nach Sewastopol mit dem Wagen, und er begleitete sie. Sie fuhren den ganzen Tag. Als sie schon im Schnellzuge saß und das zweite Glockenzeichen  gegeben war, sagte sie:

„Lassen Sie mich noch einmal Ihr Gesicht sehen … Noch ein einziges Mal … So …“

Sie weinte nicht, war aber traurig, wie krank, und ihr Gesicht zitterte.

„Ich werde an Sie denken … immer denken …“ sagte sie.  „Gott sei mit Ihnen. Denken Sie nicht schlecht von mir. Wir nehmen für immer Abschied. So muß es sein, es wäre besser, wir wären uns nie begegnet. Gott beschütze Sie.“

Der Zug sauste davon, seine Lichter verschwanden, und in einer Minute war auch das letzte Geräusch verhallt. Es war, als hätte sich das mit Absicht so rasch abgespielt, um diesem süßen Traum, diesem Wahnsinn ein möglichst schnelles Ende zu machen. Als Gurow allein auf dem Perron zurückgeblieben war und das Zirpen der Grillen und das Summen der Telegraphendrähte hörte, war es ihm zumute, als erwachte er eben aus einem Traum. Und er dachte daran, daß er wieder einmal ein Abenteuer gehabt hatte, und daß es nun erledigt sei und nur noch in der Erinnerung lebe … Er war gerührt und traurig und spürte etwas wie Reue. Diese junge Frau, die er nie wiedersehen sollte, war ja mit ihm nicht glücklich gewesen; er war zwar immer herzlich und freundlich zu ihr, und doch lag in seinem Benehmen ihr gegenüber, in seinem Ton und in seinen Liebkosungen ein leiser Anflug von Hohn, von rohem Hochmut des glücklichen Eroberers, der dazu beinahe doppelt so alt war wie sie. Sie sprach von ihm während der ganzen Zeit als von einem gutmütigen, ungewöhnlichen, großen Menschen; er erschien ihr offenbar anders, als er in Wirklichkeit war; folglich hatte er sie unwillkürlich belogen …

Auf der Bahnstation war schon ein herbstlicher Hauch zu spüren, der Abend war kühl.

„Nun muß auch ich nordwärts ziehen,“ sagte sich Gurow, als er den Perron verließ. „Es ist Zeit!“

 

 

 

III

Daheim in Moskau sah es schon ganz winterlich aus: man heizte bereits, und in den frühen Morgenstunden, wenn die Kinder, bevor sie zur Schule gingen, Tee tranken, war es so finster, daß die Kinderfrau für kurze Zeit die Lampe anstecken mußte. Die ersten Fröste hatten sich schon eingestellt. Wenn es zum erstenmal schneit und die ersten Schlitten erscheinen, ist es immer angenehm, die weißen Straßen und die weißen Dächer zu sehen; man atmet so leicht und angenehm und man denkt unwillkürlich an seine Kindheit. Die alten Linden und Birken haben, wenn sie mit Reif bedeckt sind, ein so gutmütiges Aussehen und erfreuen uns mehr als alle Zypressen und Palmen; in ihrer Nähe hat man gar nicht den Wunsch, an das Meer und die Berge zu denken.

Gurow war ein geborener Moskauer; er kam nach Moskau an einem heiteren Frosttage, und sobald er in Pelz und warmen Handschuhen einen kleinen Spaziergang über die Petrowka gemacht und am Samstagabend die Kirchenglocken gehört hatte, verloren für ihn seine Reise und die Landschaften, die er gesehen, jeden Reiz. Allmählich tauchte er ganz im Moskauer Leben unter, las mit Heißhunger drei Zeitungen täglich und behauptete hinterher, daß er prinzipiell keine Moskauer Zeitungen lese. Es zog ihn in die Restaurants und Klubs, zu Gesellschaften und Festessen, und es schmeichelte ihm, daß in seinem Hause berühmte Rechtsanwälte und Schauspieler verkehrten und daß er im Ärzteklub einen Professor zum Partner beim Kartenspiel hatte. Er war wieder imstande, eine ganze Portion vom Moskauer Fischgericht – Sseljanka – zu verzehren …

Versuchen kann man es ja mal…. 😉

Er glaubte, daß die Erinnerung an Anna Sergejewna nach drei, vier Wochen in einem Nebel verschwinden würde; daß sie ihm mit ihrem rührenden Lächeln nur ab und zu im Traume erscheinen würde, wie ihm auch alle die andern erschienen. Es vergingen aber vier Wochen und mehr, man war tief im Winter, aber die Erinnerung an sie war noch immer so klar und stark, als ob er Anna Sergejewna erst gestern verlassen hätte. Und die Erinnerung wurde immer glühender und leuchtender. Wenn in der Abendstille zu ihm ins Arbeitszimmer die Stimmen seiner Kinder, die ihre Lektionen machten, drangen, wenn er irgendein Lied singen oder das Orchestrion in einem Restaurant spielen hörte oder wenn im Kamin der Sturm heulte, so lebte in seiner Erinnerung sofort alles wieder auf: die Mole, der Morgen, der Nebel in den Bergen, das Schiff aus Feodosia, alle ihre Küsse und Umarmungen; er ging in seinem Zimmer auf und ab und erinnerte sich an jede Kleinigkeit, und lächelte vor sich hin, und die Erinnerungen wurden zu Wünschen, und das Vergangene vermengte sich in seiner Vorstellung mit dem Kommenden. Anna Sergejewna erschien ihm nicht nur im Traume; sie verfolgte ihn überall wie ein Schatten und beobachtete ihn auf Schritt und Tritt. Wenn er die Augen schloß, sah er sie wie lebendig vor sich, und sie erschien ihm schöner, jünger und zarter als sie war; auch er selbst gefiel sich viel besser als damals in Jalta. Abends blickte sie ihn aus dem Bücherschrank, aus dem Kamin, aus der Zimmerecke an, und er hörte ihren Atem und das liebe Rascheln ihres Kleides. Auf der Straße verfolgte er die Frauen mit den Augen und suchte, ob nicht eine Ähnliche darunter wäre …

Er spürte bereits ein starkes Verlangen, jemanden in seine Erinnerungen einzuweihen. Aber zu Hause konnte er doch nicht von seiner Liebe sprechen, und außer dem Hause hatte er niemand. Er konnte doch nicht mit seinen Mietern oder seinen Bankkollegen davon sprechen! Und was konnte er auch erzählen? Hatte er sie damals wirklich geliebt? War denn etwas Schönes, Poetisches, oder Lehrreiches, oder einfach Interessantes in seinen Beziehungen zu Anna Sergejewna? So mußte er ganz allgemein von den Frauen und von der Liebe sprechen, und niemand ahnte, was er damit meinte. Nur seine Frau bewegte zuweilen ihre dunklen Brauen und sagte:

„Die Rolle eines Schwerenöters steht dir wirklich nicht gut, Dimitrij.“

Als er eines Nachts mit einem seiner Partner, einem Beamten, den Ärzteklub verließ, konnte er sich nicht länger beherrschen und sagte:

„Wenn Sie wüßten, was für eine reizende Dame ich in Jalta kennen gelernt habe!“

Der Beamte setzte sich in den Schlitten, und als er schon eine Strecke weit gefahren war, wandte er sich plötzlich um und rief:

„Dmitrj Dmitrijewitsch!“

„Was denn?“

„Sie hatten vorhin recht: der Stör war wirklich nicht ganz frisch!“

Diese so gewöhnlichen Worte brachten Gurow, er wußte selbst nicht warum, aus der Fassung; sie erschienen ihm erniedrigend und schmutzig. Was für wilde Sitten, was für Gesichter! Diese unsinnigen Nächte, diese uninteressanten, leeren Tage! Nichts als Hazardspiel, Völlerei, Trunksucht und ewige Gespräche über das immer gleiche Thema. Die unnötigen Geschäfte und die ewigen Gespräche nehmen einem die besten Stunden und die besten Kräfte, und was davon zurückbleibt, ist ein beschnittenes, flügellahmes Leben, ein Unsinn und ein Durcheinander, dem man nicht entrinnen kann, als ob man in einem Irrenhause oder in einem Zuchthause säße.

Die ganze Nacht konnte Gurow vor Empörung nicht einschlafen, und den nächsten Tag hatte er Kopfschmerzen. Auch in den folgenden Nächten schlief er schlecht; er saß im Bette oder ging auf und ab. Die Kinder machten ihm keine Freude mehr, ebenso die Bank; er hatte weder Lust mit jemandem zu sprechen, noch auszugehen.

Im Dezember vor den Feiertagen machte er sich reisefertig und erklärte seiner Frau, daß er nach Petersburg müsse, um sich für einen jungen Mann zu verwenden; er reiste aber nach S. Wozu? Das wußte er selbst nicht recht. Er wollte Anna Sergejewna sehen und sprechen und mit ihr, wenn möglich, eine Zusammenkunft verabreden.

Er kam nach S. am frühen Morgen und nahm sich das beste Zimmer im Hotel; der Fußboden war mit grauem Soldatentuch belegt, und auf dem Tische stand ein verstaubtes Schreibzeug mit einem Reiter, der einen Arm mit dem Hut in die Höhe hob, während der Kopf fehlte. Vom Portier erfuhr er alles, was er brauchte: von Diederitz wohne in der Alten Töpfergasse, im eigenen Hause; es sei gar nicht weit vom Hotel; er lebe auf großem Fuße, halte sich Pferde und sei in der ganzen Stadt bekannt. Der Portier sprach den Namen „Drideritz“ aus.

Gurow begab sich nun nicht zu schnell in die Alte Töpfergasse und fand das Haus. Dem Hause gegenüber zog sich ein langer, grauer, mit Nägeln bespickter Bretterzaun hin.

„Vor einem solchen Zaun kann man wirklich davonlaufen,“ sagte sich Gurow, bald auf die Fenster und bald auf  den Zaun blickend.

Er sagte sich: heute ist Feiertag, und der Mann ist wohl zu Hause. Das ist übrigens ganz gleich: es wäre auch sonst taktlos, zu ihr ins Haus hineinzuschneien und sie aufzuregen. Ein Brief könnte leicht dem Gatten in die Hände fallen, und dann wäre alles verdorben. Das beste ist, sich auf einen Zufall zu verlassen. Und nun ging er auf der Straße längs des Zaunes auf und ab und wartete auf einen solchen Zufall. Er sah, wie in den Hof ein Bettler kam und wie über ihn die Hunde herfielen; eine Stunde später hörte er Klavierspiel, und die Töne klangen schwach und undeutlich. Wahrscheinlich spielte Anna Sergejewna selbst. Das Herrschaftsentrée ging plötzlich auf, und aus dem Hause kam eine alte Frau, der der bekannte weiße Spitz nachlief. Gurow wollte schon den Hund anrufen, aber er bekam plötzlich Herzklopfen und konnte sich in seiner Aufregung nicht mehr erinnern, wie der Hund hieß.

Er ging immer auf und ab und haßte immer mehr und mehr den grauen Zaun; er dachte mit Erbitterung, daß Anna Sergejewna ihn wohl vergessen und vielleicht sogar bei einem andern Trost gefunden habe; das wäre doch bei einer jungen Frau, die den ganzen lieben Tag diesen verfluchten Zaun sehen müsse, durchaus natürlich. Er kehrte in sein Hotelzimmer zurück, saß lange auf dem Sofa und wußte nicht, was anzufangen. Dann aß er zu Mittag und schlief den ganzen Nachmittag durch.

„So dumm ist das alles, so überflüssig diese ganze Unruhe!“ sagte er sich, als er erwachte und die dunklen Fenster sah; der Abend war schon angebrochen. „Jetzt habe ich ausgeschlafen. Was werde ich nun nachts tun?“

Er saß auf dem Bette, das mit einer billigen grauen Decke, wie man sie in Spitälern hat, bedeckt war, und verhöhnte sich selbst:

„Da hast du die Dame mit dem Spitz … Da hast du dein Abenteuer … So, sitz nun da!“

,,Die Dame mit dem Spitz“
Skulptur von Vladimir Zhbanov, Minsk

Morgens, bei seiner Ankunft hatte er auf dem Bahnhofe ein großes Theaterplakat gesehen: heute sollte zum erstenmal die „Geisha“ gegeben werden. Jetzt fiel ihm das wieder ein, und er ging ins Theater.

„Es ist ja möglich, daß sie die Premièren besucht,“ dachte er sich.

Das Theater war überfüllt. Wie in jedem Provinztheater, so schwebte auch hier über dem Kronleuchter eine dichte Dunstwolke, und die Galeriebesucher machten großen Lärm; in der ersten Reihe standen vor Beginn der Vorstellung die Elegants der Stadt, die Hände im Rücken; in der Gouverneursloge saß ganz vorn die Gouverneurstochter mit einer Boa um den Hals, während der Gouverneur selbst bescheiden hinter der Portiere lehnte, so daß von ihm nur die Arme zu sehen waren. Der Vorhang schaukelte hin und her, und das Orchester stimmte furchtbar lange seine Instrumente. Während das Publikum hereinströmte und Platz nahm, suchte Gurow mit gierigen Blicken.

Nun kam auch Anna Sergejewna. Sie setzte sich in die dritte Reihe, und als Gurow sie erblickte, krampfte sich sein Herz zusammen, und es wurde ihm vollkommen klar, daß es in der ganzen Welt keinen zweiten Menschen gäbe, der ihm so teuer, nah und notwendig wäre, wie sie; diese in der Provinz verlorene, durchaus gewöhnliche kleine Frau, mit dem ordinären Lorgnon in der Hand, erfüllte sein ganzes Leben, war seine Freude, sein Leid und sein einziges Glück, das er sich ersehnte; und zu den Klängen des schlechten Orchesters, der elenden Provinzgeigen dachte er, wie schön sie sei. Er dachte nur an sie und träumte von ihr.

Zugleich mit Anna Sergejewna trat ein sehr schlanker,  etwas gebeugter junger Mann mit kurzem Backenbart in den Saal und nahm an ihrer Seite Platz; bei jedem Schritt  nickte er mit dem Kopf, als ob er ununterbrochen grüßte. Es war wohl der Gatte, den sie damals in Jalta in ihrer Erbitterung einen Lakai genannt hatte. Und in der Tat: in seiner langen Figur, seinem Backenbart und seiner kleinen Glatze war etwas Lakaienhaftes und Demütiges; er lächelte süßlich, und das blanke Akademikerabzeichen in seinem Knopfloch glänzte wie eine Kellnernummer.

In der ersten Pause ging der Gatte ins Rauchzimmer, und sie blieb allein im Parkett. Gurow, der gleichfalls im Parkett saß, ging auf sie zu und sagte mit bebender Stimme und erzwungenem Lächeln:

„Guten Abend!“

Sie sah ihn an und erblaßte, dann sah sie ihn noch einmal ganz entsetzt an, als traue sie ihren Augen nicht, und drückte krampfhaft Fächer und Lorgnon zusammen; sie kämpfte offenbar mit sich selbst, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Beide schwiegen. Sie saß da, und er stand erschrocken vor ihr und konnte sich nicht entschließen, sich neben sie zu setzen. Im Orchester wurden wieder die Geigen und eine Flöte gestimmt; er bekam plötzlich Angst: es war ihm, als ob man aus allen Logen auf sie blickte. Nun stand sie auf und ging rasch dem Ausgang zu, und er folgte ihr. Sie gingen ziellos über die Korridore, treppauf und treppab, sie sahen viele Leute in Gerichts-, Lehrer- und Domänenverwaltungsuniformen, sämtliche mit Abzeichen; sie sahen Damen, Pelze in den Garderoben; der Zugwind hauchte sie mit Zigarettendunst an. Und Gurow, der heftiges Herzklopfen hatte, dachte:

„Mein Gott! Wozu diese Menschen, wozu dieses Orchester …“

In diesem Augenblick fiel ihm plötzlich ein, wie er sich damals auf dem Perron, nachdem der Schnellzug abgefahren war, gesagt hatte, daß alles zu Ende sei und daß er sie nie wiedersehen würde. Es war aber noch lange nicht das Ende!

Sie blieb plötzlich auf einer engen, finsteren Treppe mit  der Aufschrift „Aufgang zum Amphitheater“ stehen.

„Mein Gott, wie Sie mich erschreckt haben!“ sagte sie, um Atem ringend, noch immer blaß und bestürzt. „Wie  Sie mich erschreckt haben! Ich bin halbtot. Warum sind  Sie hergekommen? Warum?“

„Begreifen Sie doch, Anna, begreifen Sie …“ begann er leise und hastig. „Ich beschwöre Sie, begreifen Sie doch …“

Sie sah ihn voller Angst, Flehen und Liebe an; sie starrte ihn an, als wollte sie sich seine Gesichtszüge für immer einprägen.

„Ich leide so furchtbar!“ fuhr sie fort, ohne auf seine Worte zu hören. „Ich habe die ganze Zeit nur an Sie gedacht und in diesem Gedanken gelebt. Ich wollte Sie vergessen, ganz vergessen … Doch warum, warum sind Sie hergekommen?“

Auf dem nächsten Treppenabsatz standen zwei Gymnasiasten; sie rauchten und sahen auf sie hinab; aber Gurow war jetzt alles gleich; er zog Anna Sergejewna in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht, ihre Wangen und Hände mit Küssen.

„Was tun Sie, was tun Sie!“ sagte sie, ihn entsetzt wegstoßend. „Wir sind ja beide wahnsinnig. Reisen Sie weg, noch heute, sofort … Ich beschwöre Sie bei bei allem, was  heilig ist. Ich flehe Sie an … Man kommt her!“

Jemand ging wirklich die Treppe hinauf.

„Sie müssen abreisen …“ fuhr Anna Sergejewna leise fort. „Hören Sie, Dmitrij Dmitrijewitsch? Ich will zu Ihnen nach Moskau kommen. Ich war nie glücklich, bin auch jetzt nicht glücklich und werde niemals glücklich  sein, niemals! Quälen Sie mich nicht länger! Ich schwöre, daß ich nach Moskau kommen werde. Und jetzt müssen wir uns trennen! Mein Lieber, Guter, mein Geliebter, trennen wir uns!“

Sie drückte ihm die Hand und eilte die Treppe hinunter. Sie blickte einigemal nach ihm zurück, und er konnte in ihren Augen lesen, daß sie wirklich nicht glücklich war. Gurow stand noch eine Weile lauschend da, und als alles still wurde, nahm er seinen Mantel aus der Garderobe und verließ das Theater.

 

 

 

IV

Anna Sergejewna kam jetzt öfters zu ihm nach Moskau. Alle zwei, drei Monate verließ sie S. unter dem Vorwande, sie müsse nach Moskau, um einen Professor wegen ihres Frauenleidens zu konsultieren: der Mann glaubte ihr nur halb. In Moskau stieg sie jedesmal im „Slavischen Bazar“ ab und schickte sofort nach ihrer Ankunft einen Mann mit roter Mütze zu Gurow. Gurow besuchte sie im Hotel, und kein Mensch erfuhr etwas davon.

So ging er an einem Wintermorgen zu ihr; der Dienstmann war schon gestern abend dagewesen, hatte ihn aber nicht zu Hause getroffen. Es begleitete seine Tochter ins Gymnasium, das unterwegs lag. Es schneite große, nasse Flocken.

„Es sind jetzt drei Grad über Null, und doch schneit es,“  sagte Gurow zu seiner Tochter. „Aber nur an der Erdoberfläche ist es so warm, in den höheren Luftschichten herrscht eine ganz andere Temperatur.“

„Papa, warum gibt es im Winter keinen Donner?“

Er erklärte ihr auch dies. Und während er zu ihr sprach, dachte er daran, daß er jetzt zu einer Frau ginge, daß es kein Mensch wisse und wohl auch niemals erfahren werde. Er lebte ein Doppelleben: das eine Leben war offenbar, allen sichtbar und bekannt, voller konventioneller Wahrheiten und konventioneller Lügen und glich vollkommen dem Leben seiner Freunde und Bekannten; und das andere Leben verlief im geheimen. Die Umstände hatten sich aber seltsamerweise so gefügt, daß gerade das, was ihm wichtig, interessant und notwendig erschien, worin er aufrichtig war und sich niemals betrog, was den Kern seines Daseins bildete, in jenem geheimen Leben enthalten war, während alles, was Lüge und eine Maske war, hinter der er die Wahrheit verbarg, – wie sein Bankdienst, die Debatten im Klub, seine Redensarten von der „niedern Rasse“, die Festessen, die er mit seiner Frau besuchte, – zu seinem sichtbaren Leben gehörte. Er beurteilte auch alle anderen Menschen nach eigenem Maßstabe, mißtraute einem jeden und glaubte, daß auch jeder andere Mensch ein zweites, geheimes Leben habe, in dem sich alles Wichtige und Interessante abspiele. Alles persönliche Leben wird von uns als ein Geheimnis behandelt; das ist vielleicht der Grund, warum jeder Kulturmensch so nervös um die Wahrung der Diskretion in seinen Privatangelegenheiten besorgt ist.

Nachdem er seine Tochter ins Gymnasium gebracht hatte, ging er in den „Slavischen Bazar“. Er legte seinen Pelz unten beim Portier ab, ging die Treppe hinauf und klopfte leise an die Türe. Anna Sergejewna hatte das graue Kleid an, das er so liebte; sie war von der Reise und der Erwartung leicht ermüdet: sie erwartete ihn ja seit dem gestrigen Abend. Sie war blaß und sah ihn ohne zu lächeln an. Als er ins Zimmer trat, fiel sie ihm um den Hals und schmiegte sich an seine Brust. Ihr Kuß war so leidenschaftlich und lang, als ob sie sich seit zwei Jahren nicht gesehen hätten.

„Nun, wie ging es dir zu Hause?“ fragte er. „Was gibt’s Neues?“

„Warte, ich werde es dir gleich sagen, ich kann noch nicht sprechen.“

Sie konnte nicht sprechen, denn sie weinte. Sie stand von ihm abgewendet, das Taschentuch an die Augen gepreßt.

„Soll sie sich nur ausweinen, ich werde warten …“ sagte sich Gurow und setzte sich in einen Sessel.

Etwas später schellte er und ließ sich Tee geben; solange er den Tee trank, stand sie am Fenster und kehrte ihm den Rücken. Sie weinte vor Rührung und vor dem schmerzlichen Bewußtsein, daß ihr Leben sich so traurig gestaltet hatte; nur im geheimen konnten sie sich sehen, und mußten sich immer wie Diebe verstecken! War denn ihr Leben  nicht verdorben?

„Höre doch auf!“ sagte er.

Er war ihm klar, daß diese Liebe nicht so bald ein Ende nehmen werde. Anna Sergejewna hing immer mehr an  ihm, sie vergötterte ihn, und es wäre ganz undenkbar, ihr zu sagen, daß das Ganze einmal ein Ende nehmen müsse; sie würde es auch niemals glauben.

Er ging auf sie zu und nahm sie bei den Schultern. Er wollte sie trösten, mit ihr scherzen. Und er erblickte sich im Spiegel.

Sein Kopfhaar war ergraut. Und es fiel ihm auf, wie alt und häßlich ihn die beiden letzten Jahre gemacht hatten. Die Schultern, auf denen seine Hände ruhten, waren warm und bebten. Und er spürte tiefes Mitleid mit diesem noch so warmen und schönen Leben, das aber wohl bald ebenso verwelken würde wie das seinige. Warum liebte sie ihn so sehr? Er erschien allen Frauen anders, als er in Wirklichkeit war, und sie liebten in ihm nicht ihn selbst, sondern einen Menschen, den ihre Phantasie geschaffen hatte, den sie ihr Leben lang suchten: wenn sie auch später ihren Irrtum einsahen, so hörte ihre Liebe doch nicht auf. Und keine von ihnen war mit ihm glücklich gewesen. Die Jahre gingen, er machte neue Bekanntschaften, trennte sich von den alten, liebte aber eigentlich nie; alles war dabei, nur keine Liebe.

Und erst jetzt, da sein Kopf schon grau war, liebte er heiß und wahr – zum erstenmal in seinem Leben.

Anna Sergejewna und er liebten einander wie zwei verwandte Seelen, wie Eheleute, wie zärtliche Freunde; sie glaubten, daß das Schicksal selbst sie für einander bestimmt hatte, und sie wunderten sich, warum er und sie verheiratet waren; sie kamen sich vor wie zwei Zugvögel, Männchen und Weibchen, die man eingefangen und in getrennte Käfige gesperrt hat. Sie hatten einander alles vergeben, dessen sie sich in ihrer Vergangenheit schämten, sie vergaben sich auch heute alles und fühlten, wie sehr sie die Liebe verändert hatte.

Früher pflegte er sich in schweren Stunden mit allen möglichen Überlegungen zu trösten, die ihm gerade in den Kopf kamen; aber jetzt lagen ihm alle Überlegungen fern, er spürte nur tiefes Mitleid und hatte das Verlangen, aufrichtig und zärtlich zu sein …

„So hör’ doch auf, meine Gute,“ sagte er. „Nun hast du genug geweint … Wollen wir nachdenken, vielleicht läßt sich noch ein Ausgang finden.“

Sie sprachen lange hin und her und berieten, wie sie sich von der Notwendigkeit, zu lügen, sich zu verstecken und in verschiedenen Städten zu leben, befreien könnten. Wie wird man diese unerträglichen Fesseln los?

„Wie? Wie?“ fragte er und griff sich an den Kopf. „Ja, wie?“

Und es schien ihnen, daß sie bald eine Lösung finden würden, und daß dann ein neues herrliches Leben beginnen könnte; und es war beiden klar, daß das Ende noch in weiter Ferne liege und daß das Schwierigste erst jetzt anfange.