C) Rassespezifische Erziehung und Ausbildung: Spezieller Teil

1.       Der Wach- und Schutztrieb

Der Spitz ist ein klassischer Wachhund, entwickelt also selbständig und üblicherweise sehr früh ein ausgeprägtes Bedürfnis, sein Umfeld auf mögliche Gefahren/Bedrohungen zu „scannen“, diese zu melden und ggf. abzuwehren.

Daraus resultiert die Notwendigkeit, ihn erzieherisch (und ggf. auch ausbilderisch) so zu beeinflussen, dass er z. B.

  • nicht ständig und ununterbrochen wacht („Leinenzerren“, „Leinen-Aggression“),
  • nicht jede noch so kleine Veränderung lauthals und endlos durch Bellen meldet, sowie
  • nicht selbständig und in vollem Umfang entscheidet, wie, wann und ob er aktiv die von ihm wahrgenommenen echten oder vermeintlichen Gefahren (z. B. durch Beißen) abwehrt.

 

Aspekte, die Wachfähigkeit und Gefahrenabwehr verbessern:

  • verbesserte Seh- und Hörfähigkeit, sowie schwerpunktmäßiger Einsatz dieser Sinne
  • fotografisches Gedächtnis
  • hervorragendes Erinnerungsvermögen
  • Ordnungssinn /Kombinationsgabe
  • „Ein-Mann-Hund“ (extreme Bindung/Fixierung an/auf eine einzelne Person)
  • geringe bis fehlende Futterfixierung
  • Kreativität und Entscheidungsfreudigkeit
  • selbstbewusstes Auftreten/ schauspielerisches Talent
  • besondere Schnelligkeit/ Wendigkeit/Sprungkraft (kurzfristig!)

Diese Aspekte liefern Ansätze zur Erziehung und Ausbildung.

 

Vor den Ausführungen zur Erziehung und Ausbildung des Spitzes sollte hier auf eine besondere „Macke“ des Spitzes aufmerksam gemacht werden, die sich aus den oben aufgeführten Aspekten ergibt und bereits bei seinem Einzug unbedingt berücksichtigt werden sollte:

Wenn ein Spitz einziehen soll, holt man ihn am besten mit der gesamten Familie ab. Lässt sich das absolut nicht einrichten, so sollten zumindest sämtliche Familienmitglieder bei seinem ersten Eintreffen im neuen Zuhause anwesend sein!!!

Ein Spitz prägt sich sehr genau ein, wer bei seiner Ankunft anwesend ist und nur diese Familienmitglieder wird er in seinem zukünftigen Leben als „vollwertig dazugehörend“ betrachten und respektieren! Die einzige Ausnahme macht ein Spitz nur bei später hinzukommenden Kindern. Bei neu hinzukommenden Lebensgefährten kann es problematisch sein, weil er sie oft lediglich duldet (Er greift sie nicht an, aber er ignoriert sie und die Ohren stehen „auf Durchzug“).

In diesem Kontext steht auch seine, im Vergleich zu den meisten Hunden, extreme Bindung und Fixierung an, bzw. auf eine einzelne Person. Er ist ein sog. „Ein-Mann-Hund“! Sollten Sie planen, irgendwann ohne Ihren Spitz zu verreisen oder sind alleinstehend (man kann ja immer mal z. B. ins Krankenhaus kommen o. Ä.), dann üben Sie frühzeitig mit Ihrem Spitz, zeitweise bei einer bestimmten anderen Person zu bleiben und Futter von dieser Person anzunehmen! Denn sonst könnte es passieren, dass Ihr Spitz bereits die Zähne zeigt, wenn jemand Anderes auch nur die Leine in die Hand nimmt oder er das Fressen einstellt!

 

Erziehung

Ein wachender Hund befriedigt sein Grundbedürfnis nach einem sicheren Umfeld. Wird dieses Bedürfnis durch den Besitzer des Hundes befriedigt, besteht für den Hund keine Notwendigkeit, diese Aufgabe selbst zu übernehmen!

Das heißt nichts anderes, als dass der Besitzer seinen Hund ganz oder zeitweise von dieser Aufgabe entbinden kann. Es setzt aber voraus, dass der Hund sein Umfeld auch als sicher erlebt. Er muss also konkret sehen und fühlen, dass sein Besitzer die dazu nötige Kompetenz hat.

Sehen wir uns hierzu wieder ein Beispiel an:

Für den neu eingezogenen Hund stellt sich sehr schnell die Wohnungs- oder Haustür, ggf. auch das Gartentor als „neuralgischer Punkt“ heraus, an dem ein „Eindringling“ oder eine Gefahr zu erwarten ist, denn erstens geht er selbst mehrmals täglich dort hindurch und zweitens betreten alle Leute, die nicht zu seiner neuen Familie gehören, das „Revier“ auch an diesen Stellen. Er wird also sehr schnell genau diese Stellen kontrollieren und bewachen.

Nun kann man sich im Wohnzimmer aufs Sofa setzen und jedes Mal, wenn der junge Hund bellt, „Nein!“ rufen und sich anschließend ärgern, dass der Hund nicht aufhört, zu melden. Das liegt einfach daran, dass man durch „Nein!“-Rufe und ohne überhaupt hinzugucken kein Umfeld sichern kann. Und genau das weiß der Hund. Also wird er sich weiterhin selbst darum kümmern, sein Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen und ggf. auch seinen Schlafplatz in den Flur verlegen, um die Tür besser bewachen zu können.

Alternativ kann man, sobald der Hund bellt, aufstehen, zur Tür gehen, wobei man darauf achtet, dass der Hund (als Schutzsuchender) hinter einem selbst bleibt, die Türe öffnen und kontrollieren und anschließend dem Hund in beruhigendem Tonfall sagen „Alles ist gut!“, evtl. noch in Verbindung mit einer Streicheleinheit. So sieht und erlebt der Hund, dass sein Besitzer die Aufgabe der Umfeld-Sicherung (kompetent) übernimmt und da er als Hund sich weniger an Wort-Inhalten orientiert, als vielmehr an lautmalerisch vermittelten Botschaften, wird er schnell lernen, dass er nun relaxen kann. Er wird Ihnen auch gern und brav ins Wohnzimmer folgen und es sich dort gemütlich machen, weil er sich sicher fühlt.

Je häufiger Sie das wiederholen, desto schneller erkennt Ihr Hund, dass dieser Satz bedeutet, dass er nun nicht mehr wachen muss, weil Sie diese Aufgabe selbst übernehmen. Dabei dürfen Sie ruhig auch mal eine Minute warten, bis Sie nachsehen. Während dieser Zeit übernimmt der Hund die Bewachung der Tür. Mit der Zeit können Sie dazu übergehen, ihm schon nach einem Blick in den Flur mitzuteilen, dass „Alles gut!“ ist und ihn zu sich rufen. Hat er diesen Zusammenhang erst einmal verstanden, können Sie beginnen, den Satz auch in andere Zusammenhänge zu übertragen.

Man kann das natürlich auch sofort machen, beispielsweise im Zusammenhang mit Hundebegegnungen oder Gegenständen, die ihm Angst machen. Das hängt davon ab, wie ängstlich der Hund ist, wie ausgeprägt sein Wachtrieb ist oder auch davon, wie man den Hund später als Wachhund einsetzen will.

Man kann einen Hund dauerhaft von dieser Aufgabe entbinden und hat dann einen Hund, der nicht an der Leine herumzerrt, sondern mit oder ohne Leine völlig entspannt neben oder hinter einem hertrottet.

 

Ausbildung

Man kann auch den Hund nur phasenweise entbinden und ihn zusätzlich ausbilden, auch angeleint „bei Fuß!“ oder mit Abstand („Ab!“) auf Kommando bedarfsweise zu wachen ohne an der Leine zu zerren (Siehe „Die Welpen kommen“). Diese Variante ist sehr praktisch, wenn man beispielsweise nachts durch den Wald spazieren möchte.

Schießt er bei seiner Aufgabe übers Ziel hinaus, so unterbindet man dies, indem man mit Nachdruck zwischen den Hund und sein anvisiertes Ziel tritt (anfangs, später eine vorgehaltene Hand) und ihm, z. B.  unter Verwendung eines Zischlautes, verdeutlicht, dass dies NICHT seine Aufgabe ist und er sich also verbotenerweise in die Aufgabe seines Besitzers einmischt. (Die Wirkung des Zischlautes in der Erziehung und Ausbildung von Hunden beruht auf einem genetisch fixierten, also im Instinktverhalten verankerten, Reiz-Reaktionsmuster, das vorwiegend von Schlangen ausgelöst wird, also eine Gefahrenwarnung ist, und beim Hund zum sofortigen Zurückweichen führt.) Nach entsprechender Übung wird der Hund auch bereits auf den Zischlaut reagieren. Diese Grenze muss allerdings sehr konsequent gezogen werden, da der Hund ansonsten eine sog. „Leinen-Aggressivität“ entwickeln kann!

Außerdem kann man den Hund selbstverständlich bezüglich seines Abwehrverhaltens ausbilden (z. B. ob er ausschließlich verbellt oder auch angreift). Eine solche Ausbildung sollte aber nur in einem speziell für diese Ausbildung anerkannten/zertifizierten Verband erfolgen!

 

Und noch ´ne „Macke“

Im Zusammenhang mit dem Schutztrieb des Spitzes muss hier noch auf eine weitere wichtige „Macke“ des Spitzes hingewiesen werden:

Viele Spitze sehen Kinder grundsätzlich als besonders schutzbedürftig an und behüten sie selbst dem eigenen Herrn gegenüber mitunter frenetisch. Mit anderen Worten: Bereits sehr lautes Schimpfen mit den Kindern kann dazu führen, dass der Spitz sich plötzlich schützend zwischen dem gescholtenen Kind und seinem ansonsten so vergöttertem eigenen Herrn aufbaut!

(Meine erste Spitzin hat mich immer freilaufend begleitet und es gab für sie nur einen einzigen Grund, von meiner Seite zu weichen: Wenn sie in der Fußgängerzone einen Erwachsenen sah, der sein Kind schlug!) Eine, wie ich finde, sehr begrüßenswerte „Macke“!

 

Im Vergleich zu anderen Hunderassen hat der Spitz

  • eine verbesserte Seh- und Hörfähigkeit
  • ein fotografisches Gedächtnis und
  • ein hervorragendes Erinnerungsvermögen in Verbindung mit
  • einem ausgeprägten Ordnungssinn.

Das stark ausgeprägte fotografische Gedächtnis des Spitzes ist für seine Rolle als Wächter von besonderer Wichtigkeit, denn dadurch erkennt er meist selbst kleinste Veränderungen auch der unbelebten Umgebung (Entfernen oder Hinzufügen von Gegenständen etc.), sofern sie nicht mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorkommen und meldet sie. Hierzu sollte man anmerken, dass viele Spitze dabei mit einer ungewöhnlichen Gründlichkeit zunächst mit den Augen (!!!) die unmittelbare Umgebung nach verschwundenen Gegenständen absuchen. Finden sie sie, unterbleibt das Melden – manche Spitze befördern den Gegenstand auch auf seinen angestammten Platz zurück; sie haben einen ausgeprägten Ordnungssinn (Griepto beispielsweise räumte eigenständig immer alle herumliegenden Hundesachen in die Körbchen).

Gleiches gilt für Geräusche. Bedingt durch das hervorragende Langzeitgedächtnis erkennt er beispielsweise einmal gestellte Eindringlinge selbst nach 10 Jahren noch unverzüglich an der Stimme und/oder ihrem Tritt-Geräusch wieder und reagiert entsprechend. (Für Diebe sicherlich eine seiner unangenehmsten Eigenarten!)

Bieten Sie ihm alle möglichen Gelegenheiten, diese Fähigkeiten zu trainieren und zu zeigen, vom Sortieren der Socken bis zum Suchen (optisch!!!) „verlegter“ Gegenstände – er wird Sie dafür lieben!

 

Er verfügt ferner über

  • eine außerordentliche Kombinationsgabe
  • ein hohes Maß an Kreativität und Entscheidungsfreudigkeit und
  • selbstbewusstes Auftreten in Verbindung mit dem
  • Talent eines begnadeten Schauspielers.

Spitze können Reihenfolgen, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten meist hervorragend erkennen und erstaunlich selbständig Zusammenhänge und Schlüsse, aber auch sehr kreativ potenzielle Betätigungsfelder daraus ableiten. (Susanne hatte eigenständig die Bedeutung und Nutzung von Ampeln erlernt. Griepto hatte beobachtet, dass das Telefon eine besondere Rolle für mich spielte, ich es aber beispielsweise im Garten oft nicht gehört habe. Daraufhin hatte er beschlossen, mir das Läuten des Telefons zu melden, wenn ich nach dem 3. Läuten das Gespräch nicht angenommen hatte. Llywellynn hat beobachtet, dass Sofie mir oft vor die Füße läuft oder im Weg herumsteht und entschieden, sie bei Bedarf dort zu verscheuchen oder am Steert vor meinen Füßen wegzuziehen.)

Um diese Fähigkeiten gut entwickeln zu können, benötigt ein Spitz natürlich geeignete Freiräume und ein anregendes Umfeld. Da er gleichzeitig allerdings auch klare Grenzen braucht, stellt dies bei der Erziehung eine besondere Herausforderung/Gratwanderung dar. Ich persönlich habe dabei immer die Haltung eingenommen: „Zeig mir, was Du kannst – und dann entscheide ich, ob Du das darfst oder sogar sollst!“ und mich damit begnügt, meine Spitze nur soweit zu erziehen und auszubilden, wie es nötig war, um ihre rassetypischen und individuellen Eigenschaften an meine Erfordernisse anzupassen.

Auf diese Weise haben meine Spitze teilweise ungeahnte Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt und mich oft zum Staunen, aber auch herzhaft zum Lachen gebracht! (siehe Tiergeschichtchen!) Genau diese Kombination von Eigenschaften ist im Zusammenleben mit Spitzen eine ganz besondere „Würze“, auf die ich nie im Leben würde verzichten wollen. Es macht den Spitz immer wieder gut für Überraschungen!

Aus diesem Kontext noch ein Beispiel zur Erziehung:

Llywellynn hatte beobachtet, dass ich mich, wenn ich einen Anruf bekomme, üblicherweise sehr auf das entsprechende Telefonat konzentriere. Daraus hatte er wohl den nicht ganz unbegründeten Schluss gezogen, dass man diesen Zeitraum prima nutzen könne, um allerlei Unfug anzustellen. Nun gehörte es in diesem Zeitraum zu seinen beliebtesten Aktivitäten, das in der Küche stehende „Trink-Eimerchen“ umzukippen und die Küche in eine regelrechte Schlinderbahn zu verwandeln, auf der er nach Herzenslust hin- und herschlitterte. Schimpfen zwecklos – schließlich machte ihm das ja einen mordsmäßigen Spaß!
Als er das also zum dritten Mal machte, beschloss ich, meinen „inneren Schweinehund“ zu überwinden und weder das Eimerchen aufzuheben und nachzufüllen, noch überhaupt die Pfütze aufzuwischen. Da ich allein lebe, muss ich ja nicht befürchten, dass da irgend jemand ausrutschen könnte.
Nach einigen Stunden hatte Llywellynn offenbar Durst. Wie gewohnt, schleppte er mir also das Eimerchen heran, damit ich es auffülle. Ich ging damit in die Küche und warf es wieder auf den Boden. Das wiederholte sich nun mehrere Male. Die Pfütze auf dem Küchenboden hatte er schon aufgeschleckt, aber sein Durst war noch nicht gestillt. Nachdem ich ihn noch eine ganze Weile habe warten lassen, habe ich schließlich den Eimer wieder aufgefüllt und an seinen Platz gestellt.
Das war das letzte Mal, dass er das Trink-Eimerchen umgeworfen hat. Denn jetzt weiß er:

Wer sein Wasser auf dem Küchenboden verteilt, kann es hinterher nicht mehr trinken.

 

Auf der rein körperlichen Ebene zeichnet der Spitz sich aus durch

  • besondere Schnelligkeit
  • enorme Wendigkeit (kann Haken schlagen wie ein Hase!)
  • hohe Sprungkraft.

In Betätigungsfeldern wie Agility, Obidience oder Dogdancing wird er regelrecht aufblühen und zur Höchstform auflaufen. Insbesondere beim Dogdancing setzt er sein ganzes schauspielerisches Talent virtuos ein und bietet kreativ neue Kunststückchen an.

Große und sehr kräftige Spitze mit hohem Energielevel leisten auch gern Zugarbeit (z. B. am Sacco-Cart), sofern man ihnen keine Langstrecken zumutet.

 

Wichtig!

Bei derartigen Aktivitäten sollte man akribisch darauf achten, die geringe bis fehlende Futterfixierung des Spitzes zu erhalten! All diese Sachen kann man einem Spitz auch ganz ohne Leckerli beibringen – Lob, Anerkennung und das Leuchten der Augen seines Besitzers sind sein Lebenselixier und durch kein schnödes Leckerli zu ersetzen! Zeigen Sie ihm einfach nur, dass die Sache Spaß macht!

 

 

2.       Das Jagdverhalten

Insbesondere für seinen ursprünglich wichtigsten Einsatzbereich, die Landwirtschaft, spielten eine besondere Rolle das fehlende Jagdverhalten und die unbedingte Geflügelfrömmigkeit, damit er einerseits nicht die anderen auf dem Hof gehaltenen Nutztiere beeinträchtigte, andererseits bildete das fehlende Jagdverhalten eine wesentliche Voraussetzung für seine sprichwörtliche  Hoftreue, damit er nicht seinen „Wachposten“ verließ, um in der Umgebung des Hofes zu jagen.

Da er heute jedoch weniger in der Landwirtschaft gehalten wird und nicht zwangsläufig im Zusammenleben mit anderen kleineren Nutztieren, wird die Bedeutung des fehlenden Jagdtriebes immer häufiger als „überholt“ abgetan und in der Zucht missachtet, obwohl er, entsprechend dem Zuchtstandard, vorhanden sein muss. Dabei wird übersehen, dass ein Hund, dem jegliches Jagdverhalten fehlt, auch kein dazugehöriges Beuteverhalten zeigt. Der wichtigste Aspekt dieses Beuteverhaltens besteht darin, dass, ausgelöst durch das Zappeln/(unbeholfene) Bewegung eines (am Boden liegenden) Lebewesens, dieses gegriffen und getötet wird. Das Beuteverhalten ist instinktgeleitet und erfolgt reflektorisch. Es stellt eine der wichtigsten und verbreitetsten Ursachen für Beißvorfälle mit Kindern dar! Die sehr verbreitete Vorstellung, dass der eigene Hund doch die Kinder der Familie liebe und beschütze, betrifft nur und ausschließlich das vom Hund bewusst eingesetzte Repertoire von Verhaltensweisen. Da das Beuteverhalten aber ein Instinkt ist, dessen Ablauf als automatisches Handlungsmuster erfolgt, ist eine Verknüpfung zur Frage der Kinderliebe des Hundes nicht korrekt – die Folgen dieses Trugschlusses können fatal sein!

Das fehlende Jagdverhalten des Spitzes bedeutet also die Verringerung der Gefahr von Beißvorfällen mit Kindern – in der heutigen Zeit eigentlich sogar ein ganz besonderer Pluspunkt für den Spitz, den man unbedingt erhalten sollte!

Aspekte, die das Jagdverhalten beeinflussen, sind

  • Geruchssinn
  • Beutereiz
  • Gangart
  • geringere Ausdauer/leichte Ermüdbarkeit durch quadratischen Körperbau (kurzer Rücken, Sprunggelenkswinkelung)
  • geringe bis fehlende Futterfixierung

 

Geruchssinn

Der Geruchssinn spielt bei der Jagd eine besondere Bedeutung. Je besser der Geruchssinn des Hundes, desto besser und schneller kann er eine Fährte verfolgen.

In der Vergangenheit hat man bei Spitzen züchterisch auf eine Verringerung des Geruchssinnes geachtet, weil dadurch nachweislich das sehr selten auftretende Jagdverhalten erheblich reduziert wurde, bzw. gar nicht auftrat. Das bedeutet nicht, dass der Spitz einen schlechten Geruchssinn hätte, sondern nur, dass er bei ihm wesentlich schlechter ausgeprägt ist als bei jagenden Hunderassen, wie beispielsweise Schweißhunden, Bracken usw.

Wer Spaß an Mantrailing oder anderen Formen der Fährtenarbeit hat, sollte diesem Hobby mit einem anderen Hund frönen und sich z. B. einen Bloodhound zulegen!

Alle Hundesportarten, bei denen der Geruchssinn trainiert und angeregt wird, provozieren also die Entstehung des Jagdverhaltens und/oder fördern es. In diesem Sinne hat jegliche Form von Fährtenarbeit, wie sie im Rahmen der Schutzhundausbildung erfolgt, Mantrailing etc. in der Ausbildung von Spitzen nichts zu suchen!

 

Beutereiz

Der Beutereiz ist nicht nur ein fester, sondern sogar eine der wichtigsten Bestandteile des Jagdverhaltens (s.o.) und wird in vielen Hundeausbildungen genutzt, wie beispielsweise bei der Schutzhund-Ausbildung durch Überlassung des Hetz-Ärmels, den der Hund als Beute mitnehmen darf. Die gleiche Wirkung haben Zerrspiele, z. B. mit einem Tau oder einer sog. Beißwurst, bei der der Hund einem Anderen die Beute regelrecht abringt. Aber auch ein geworfener Ball oder eine Frisbee-Scheibe können beim Hund einen Beutereiz auslösen und verstärken (vergleichbar mit einer geschossenen und zu apportierenden Ente!), bei der der Hund zum Jagen der Beute animiert wird. Neben der bereits oben erwähnten nicht unerheblichen Gefahr vor allem für Kinder steigern solche „Spiele“ auch das Aggressionsverhalten und gar nicht so selten kommt es dadurch auch zu schwerwiegenden Beißereien unter vermeintlich (!) „spielenden“ Hunden, die aber im Grunde nichts anderes machen, als sich gegenseitig den erbeuteten Ball streitig zu machen. Manche Hunde steigern sich in dieses Beuteverhalten extrem hinein und werden hochgradig aggressiv, so dass es, aus menschlicher Perspektive, schon einem Sucht-Verhalten ähnelt und man sie deshalb sogar als „Ball-Junkies“ bezeichnet. Auch die beliebten „Quietschis“ stellen einen Beutereiz dar. Sogar einen der übelsten Sorte! Denn das Quietschen vermittelt dem Hund eine Schmerzreaktion der Beute! Das hat er normalerweise bereits als Welpe beim Spielen mit seinen Geschwistern gelernt. Und er hat gelernt, beim Quietschen (eines Sozialpartners) unverzüglich mit seiner Aktivität aufzuhören (= Beißhemmung). Geben Sie ihm ein Quietschi und loben ihn womöglich noch, wenn er es zum Quietschen bringt, verringern Sie nachhaltig seine Beißhemmung und bringen damit andere Menschen und Tiere in nicht unerhebliche Gefahr!

Insbesondere für eine Hunderasse, die definitiv (auch nach Rassestandard!!!) kein Jagdverhalten haben sollte, verbieten sich Zerr- und Apportierspiele aller Art, sowie die Präsentation von Beutereizen daher wohl von selbst! Das heißt nicht, dass ein Spitzwelpe niemals Kontakt mit einem Ball oder einem Tau haben dürfte. Aber gerade ein Spitzwelpe sollte nicht allzu häufig oder allzu ausufernd damit spielen oder gar zerren. Der Einsatz von Gerüchen oder das Apportieren von Geruchshölzern beim Obidience ist nicht vergleichbar mit Fährtenarbeit oder den „üblichen“ Apportierspielen und dem Wesen des Spitzes nicht abträglich.

 

Gangart

Fast alle Jagdhunde haben zur schnellen Verfolgung der Fährte einen besonderen Gang: Sie schnüren. Schnüren bedeutet, dass der Hund die Pfoten trabend und in schneller Abfolge hintereinander aufsetzt, während er die Nase direkt an der Fährte belassen kann.

Ein Spitz dagegen schränkt. Er setzt die Pfoten schön abwechselnd rechts und links auf. Beim Verfolgen einer Fährte schaukelt er mit dieser Gangart praktisch von einer Seite auf die andere und kann der Fährte darum nicht schnell folgen. Außerdem ist diese Gangart weniger flüssig, so dass ein Spitz schneller ermüdet, wenn er sie über einen längeren Zeitraum nutzt. Für sehr schnellen Lauf galoppiert der Spitz zwar genauso wie andere Hunde auch, ermüdet allerdings schneller aufgrund seines kurzen Rückens (schnelle Jagdhunde/Windhunde haben einen langgestreckten Rücken) und geringen Winkelung der hinteren Sprunggelenke (= senkrechter und paralleler Stand), die ihm aus genau diesem Grunde speziell angezüchtet wurden!.

Da die meisten Spitze durchaus ein hohes Energielevel haben und, wie jeder andere Hund auch, sich gern bewegen, muss man sie selbstverständlich auch auslasten. Allerdings ist lang anhaltendes (schnelles) Traben, beispielsweise am Fahrrad, für den Spitz vollkommen ungeeignet. Sportarten mit kurzen schnellen Sprints, wie z. B. beim Agility, werden seinen Bedürfnissen weitaus besser gerecht.

 

Geringe bis fehlende Futterfixierung

Sofern man sie nicht gezielt künstlich auf die Annahme von Futter trainiert, neigen Spitze dazu, Futter nur vom eigenen Herrn, bzw. wenigen bestimmten Personen oder den zum Haushalt gehörenden Kindern anzunehmen. (s. o., Meine ersten beiden Spitze rührten ihre Näpfe nicht mehr an, wenn mein Mann sie aufgefüllt hatte, sondern warteten darauf, dass ICH sie zum Fressen aufforderte!)

Dabei liebt es der Spitz, wenn ihm ständig ein wohlgefüllter Napf zur Verfügung steht (sog. „Kuh-Fütterung“) und er sich seine Portionen selbst einteilen kann. Zum Überfressen neigt er nicht, sofern er nicht kastriert wird. Schlechte Vorerfahrungen (rationiertes Futter) können dazu führen, dass er nach einer Umstellung anfänglich mehr frisst. Nach meiner Erfahrung normalisiert sich das allerdings meist innerhalb kürzester Zeit.

  • Ein satter und zufriedener Spitz zeigt normalerweise keinerlei Interesse an (für ihn) vollkommen überflüssiger, anstrengender und zudem ineffektiver Jagd.
  • Falls er tatsächlich vorher Futter von anderen Menschen angenommen hat, verweigert er das bei Kuhfütterung normalerweise vollständig. Diese Form der Fütterung ist also in Bezug auf die rassespezifische Eigenschaft der Unbestechlichkeit die optimale Voraussetzung.
  • Dressur mit Leckerli funktioniert bei einem satten Hund nicht oder zumindest schlecht (er frisst dann aber selbständig anschließend weniger!) – wenn man ihm eine Belohnung anbieten will, ist die Stimme oder Streicheleinheit seines Herrn sowieso unschlagbar, zumal er auf diesen wesentlich stärker fixiert ist als andere Hunderassen. Da die geringe Futterfixierung des Spitzes sowohl im Sinne eines fehlenden Jagdverhaltens, als auch hinsichtlich seiner Unbestechlichkeit beim Wachen eine entscheidende Rolle spielt, sollte sie nicht durch Dressur mit Futterreizen künstlich und überflüssigerweise gesteigert oder provoziert werden!
  • Futterneid ist für einen so gefütterten Spitz ein Fremdwort – er teilt sein Futter gern und gelassen mit jedem anderen, der zum Haushalt gehört und selbst mit Besucher-Hunden.
  • Ein satter Spitz sucht bei Spaziergängen weder nach Futter (sofern man ihm das nicht explizit antrainiert), noch hat er überhaupt irgendwelches Interesse daran. Er ist dadurch praktisch immun gegen ausgelegte Giftköder oder Ähnliches (Mein Anton pflegte beispielsweise gefundene Leberwürste zu markieren und liegen zu lassen).

 

 

Zusammenfassung

  1. Wichtigster Punkt der Erziehung (!) ist der Wach- und Schutztrieb des Spitzes. Durch spezielle Ausbildung kann man ihn zusätzlich modifizieren.
  2. Der zweite Dreh- und Angelpunkt in Erziehung und Ausbildung ist die Unterdrückung des Jagdverhaltens.
  3. Zur Förderung rassespezifischer Verhaltensweisen empfiehlt sich die sog. „Kuhfütterung“.
  4. Das Umfeld des Spitzes sollte ausreichend Freiräume zur Entwicklung seiner speziellen Kompetenzen bieten bei gleichzeitig klarer und konsequenter Grenzziehung in Form von Erziehung (!).

Ergänzende Betätigungsfelder:

  • Optimal: Agility, Obidience, Dogdancing
  • Möglich: Zugarbeit
  • Absolut ungeeignet: Nasen-/Fährtenarbeit (Mantrailing!), Apportier- und Zerrspiele (Frisbee, Stöckchen-, Bällewerfen), Ausdauersport (längere Fahrradtouren)

 

Zuchthündinnen, die in für den Spitz ungeeigneten Betätigungsfeldern ausgebildet und/oder beschäftigt werden oder wurden, geben das dadurch erzeugte Jagdverhalten nicht nur über Prägung, Erziehung und Ausbildung an ihre Welpen weiter, sondern vererben es auch, nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, epigenetisch!