1804 – Geisteskraft eines Spitzes

Verfasser unbekannt

Quelle:
Thierseelen-Kunde auf Thatsachen begründet
oder
156 höchst merkwürdige Anekdoten von Thieren
(Berlin, 1804, Seiten 103 ff)

Rechtsbücher des 16. Jahrhunderts
Im Vordergrund ein kleiner Spitz mit Löwenschur
(Sammlung von Inkunabeln)

In dem Sächsischen Städtchen N – z lebte ein Acciseeinnehmer, der einen Hund besaß, dessen Dienste viel zu seines Lebens Erleichterung beitrugen. Es war ein Spitzhund. Gewöhnlich bediente er sich beim An- und Ausziehen dieses treuen Dieners, der ihm Schuhe, Pantoffeln und andre Kleidungsstücke zutrug. Er kannte alle Hausgenossen bei Nahmen, und befahl ihm sein Herr jemanden aus dem Hause zu hohlen, und nannte ihm den Nahmen der Person, so ruhte der Hund nicht eher, als bis er sie traf, zog sie beim Kleide und leitete sie so zum Herrn. War sein Herr in der Expedition, so brachte er demselben von den Leuten die vor der Thür standen, die Bücher, und nach geschehener Eintragung in dieselben, nahm er sie und stellt sie dem Eigenthümer wieder zu.

Sein Herr geht einst über Land, und verliert von seinem Stocke den elfenbeinernen Knopf. Lange wird er es nicht gewahr; als er es aber sah, wies er dem Hunde den mangelhaften Stock, redete ihm freundlich zu, und gab besonders durch Mienen seine Verlegenheit zu erkennen. Der Hund sieht ihn an, indem er aufmerksam seinen Autrag vernimmt, läuft fort und bringt den Knopf, ganz mit Erde überzogen. Wie der Herr den Knopf auf den Stock passen will, sieht er daß noch ein kleiner silberner Ring, welcher gleich unter dem Knopfe gesessen hatte, fehlt, und von neuem zeigt er dem Thiere den Stock, deutet mit dem Finger auf die Stelle, die sonst der Ring eingenommen hatte, und redet ihm noch freundlicher zu. Genau besieht der Hund den Stock, blickt bald diesen, bald den Herrn an, läuft endlich fort, und bringt in einiger Zeit auch den Ring.