1958 – Flocki

Hans G. Benz (1902 – 1968)

Quelle:
Ein Herz und eine Seele – Das kleine Buch vom Hund, Hans Putty Verlag, Wuppertal 1958, S. 68ff

Da war zum Beispiel . . . Mit einem Ruck wechselt die Vision, als habe man ein anderes Diapositiv in den Bildwerfer geschoben. Was ist denn das, dieses weiße Gepuschel, das mich gellend anschreit, als ich die Ladentür öffne und das heisere Scheppern der Klingel die Nachmittagsstille zerreiß?

Ein weißer Spitz, der natürlich Flocki heißt, kläfft zu meinen Füßen. Es ist nicht gerade jenes rasende, geifernde Kläffen, das er für Fremde bereit hat, denn wir kennen uns seit seiner frühesten Jugend, aber es besagt trotzdem und unmißverständlich: Bilde dir nur nichts auf unsere lange Bekanntschaft ein. Dienst ist Dienst. – Als ich mich hinunterbeuge und meine Hand kraulend in seinen strahlenförmig aufschießenden Haarpelz stecke, bleiben Flockis dunkle Augen unter der hochgewölbten Stirn ernst und ohne Sympathie auf mich gerichtet. Ich weiß, ich brauche nur im Scherz die Hand gegen sein Frauchen zu heben, und ich hätte seine Zähne in meinem Hosenbein. Er würde für seine Leute bis zum letzten kämpfen. Diese Treue ist um so bemerkenswerter, als Flockis Liebe vor einem halben Jahr auf eine schreckliche Probe gestellt wurde.

Frau Hagedorn, die Inhaberin des Ladens, kommt zum Vorschein. Sie ist eine bebrillte, rundliche Frau mit glattgescheiteltem, graumelierten Haar. Ihr vier Jahre jüngerer Mann, ein kraftvoller blonder Bauer, besorgt die Landwirtschaft, die sie außerdem betreiben. Er hat so seine Freude an allerhand Experimenten, die aber immer irgendwie einträglich sind. Dabei kam er im vorigen Jahr auf die Idee, den Flocki zum Decken für die Spitzin des Hauptschullehrers herzugeben. Die Hochzeit ergab sieben kleine Spitze, darunter zwei Rüden. Denen einen bot man Hagedorn wie üblich als Deckhonorar an. Nach echter zäher Bauernweise, die ungern auf etwas verzichtet, hatte er dieses Honorar angenommen, es auf den Namen Flitz getauft und ins Haus gebracht. Der Flocki, so hatte er seiner Frau erzählt, werde den Kleinen sehr gern unter seine Obhut nehmen.

Es zeigte sich jedoch, daß Flocki von jener unbedingten Art war, aus der alle großen Liebenden geschmiedet sind. Er war nicht willens, auch nur ein kleines Stückchen vom Menschenherz und Haus an irgend jemand anderes abzutreten. Als man ihn mit seinem Herrn Sohn bekannt machte, blieben alle Versuche, in Flocki irgendwelche verwandtschaftlichen Sympathien zu erwecken, erfolglos.

Er beschnüffelte kurz seine sechs Wochen alte Miniaturausgabe, die sich neckisch vor ihm auf den Rücken warf und ihn dann in die Beine zwickte, und sah dann seinen Göttern in die Augen: Na und – was soll das?

Die Götter, die seine Abneigung bemerkten, legten sich beide auf den Fußboden und verhandelten mit Flocki. Er wurde gestreichelt, Flitz wurde gestreichelt, dann wuren beide zugleich gestreichelt, und es wurde dem völlig versteiften Flocki erzählt, was er – ei! -für ein goldiges, süßes, putziges kleines Söhnchen bekommen habe und daß er doch – ei=ei! – lieb zu seinem Spielgefährten sein solle.

Flocki jedoch legte weder Wert auf Söhne noch auf Spielgefährten. Er sah nur, daß da plötzlich noch jemand war, der außer ihm auch gestreichelt und frisiert und gefüttert wurde und daß damit sein ganzes, auf ausschließliche gegenseitige Liebe gegründetes Weltgebäude zusammengestürzt war.

Ich beobachtete, wie er den flitz an diesem und den nächsten Tagen nachdenklich betrachtete, während er seinen babyhaften Annäherungsversuchen auswich.

An der Faltung der Stirn und der Entblößung der Eckzähne merkte ich, daß er ernsthaft erwpg, ihn abzuwürgen und damit den Fall zu erledigen. Dann aber siegte in ihm wohl die Überlegung, daß dieses kleine Purzel, das sich da gerade an ihm aufgerichtet hatte und ihm mit seinen Kinderpfoten ins Gesicht tatzte, an der Komplikation am wenigsten Schuld trug. So tat Flocki etwas anderes und nicht weniger Konsequentes, das gleichwohl alle Beteiligten aufs äußerste überraschte und rührte: er zog aus. Er nahm seinen alten Tennisball in die Schnauze und trabte die Straße hinunter bis ans Ende, wo der Kriegsinvalide Schmidt die Tankstelle hatte. Der saß gerade in seinem Glashäuschen, als Flocki hereinkam, ihm den Ball vor die Füße und sich selbst daneben legte, den Kopf auf den Pfoten und ab und zu tief seufzend.

Warum er sich gerade den Schmidt aussuchte, weiß niemand. Vielleicht weil der, wenn Hagedorn seinen alten Kombi bei ihm tankte, mit Flocki zu spielen und ihm ein Stückchen Zucker oder Schokolade zu geben pflegte. Vielleicht witterte er auch die liebeshungrige Einsamkeit in diesem Mann, dessen ganze Familie auf der Flucht aus Breslau verschollen war.

Jedenfalls nahm Schmidt zunächst an, daß der Hagedorn nun auch bald auftauchen werde. Als sich solches aber nicht ereignete und es sich offenbar nur um eine Laune des Hundes handelte, war der Schmidt ganz froh, Gesellschaft zu haben. Er streichelte Flocki, humpelte zum Fleischer hinüber und ließ sich ein paar Kalbsknochen geben. Flocki sah sich die Knochen an, fraß sie aber nicht und leckte nur dem Schmidt die Hand. Das Wasser, das ihm dieser darauf hinstellte, trank er dagegen in gierigen Zügen.

Ein weißer Spitz, der natürlich „Flocki“ heißt.

Schmidt, der erwartete, daß sich Flocki nun bald wieder Richtung Heimat trollen oder zumindest einen Spaziergang unternehmen würde, war baß erstaunt, als Flocki nichts dergleichen tat, sondern bei ihm blieb und gleich darauf einen Motorradfahrer, der zum Tanken hielt, anbellte. Er ewachte die Tankstelle! Das kam Schmidt nun doch komisch vor, und er rief beim Hagedorn an. Der kam voll bösen Gewissens gleich mit dem Wagen herunter, um seinen Spitz zu holen, aber Flocki ließ sich nicht von ihm greifen, sondern wich seiner ausgestreckten Hand aus. Als der Mann darauf wütend wurde, klemmte er den Plusterschwanz zwischen die Beine und rannte einfach weg, quer über die Wiesen bis in den Wald.Die beiden Männer, die ihm nachstarrten, sahen, wie er sich am Waldrand zwischen den Brombeersträuchern niedersetzte und zur Tankstelle hinüberstarrte.

„Was ist denn in den gefahren?“ fragte der Schmidt.

Hagedorn zuckte die Achseln: „Wir haben uns vom Hauptlehrer einen Rüden als Bezahlung fürs Decken geben lassen. Flitz heißt er. Sind ja schließlich wertvolle Tiere, der Flocki und die vom Lehrer. Das läßt man sich doch nicht entgehen!“

„Aha“, sagte der Schmidt, nahm die Mütze ab, kratzte sich den Kopf und grinste Hagedorn an: „Na, dann wird euch wohl nichts anderes übrigbleiben, als den Flitz wieder zurückzuschicken. Denn der Flocki, der hat Charakter!“

Der Hagedorn aber kniff die Augen zusammen und schob das Kinn vor: „Quatsch. Der kommt schon wieder, wenn er sich ausgebockt hat. Gibst mir zehn Liter?“

„Gern. Du mußt ihn ja kennen.“

Aber Flocki kehrte nicht zurück. Gegen Abend, als der Schmidt die Pumpe und das Büro abschloß, war der Spitz wieder bei ihm. Er saß aufmerksam da und schaute den Schmidt fragend an: Nimmst du mich mit, oder soll ich im Wald schlafen? Der Schmidt nahm ihn mit. Daheim machte ihm der Schmidt aus zwei Kissen ein Lager vor seinem Bett. Flocki legte sich sofort darauf und bdankte sich mit einem schwachen Wedeln. Der Schmidt schloß die Tür ab, klemmte sich aufs Fahrrad und radelte zu den Hagedorns. Dort war ganz offenbar dicke Luft. Der Bauer saß mit rotem Kopf und vorgeschobenem Kinn am Tisch, und seine Frau, die Ladnerin, fuhrwerkte nebenan in der Küche mit den Töpfen herum, daß es nur so schepperte. Als der Schmidt sich hingesetzt hatte, steckte sie den Kopf herein: „Hast den Flocki gesehen?“

„Freilich. Der ist bei mir.“

Jetzt kam sie ganz in die Stube: „Was macht er?“

„Liegt auf’m Kissen vor meinem Bett.“

„Hat er gefressen?“

„Nix.“

Die Frau wandte sich zu ihrem Mann um: „Hast das gehört?“

„Freilich. Bin ja nicht taub.“ Er schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch: „Soll bleiben, wo er ist, der Malefizköter! Den Flitz geb‘ ich nimmer her, daß d‘ dös weißt!“

Der Schmidt versuchte sich einzuschalten: „Da im Schlafzimmer hör ich’s mauzen. Ist er das?“

Hagedorn stand auf: „Ja, das ist er.“ Er öffnete die Tür: „Komm, mein Hundl!“

Das Hundl erschien im Rückwärtsgang, einen Pantoffel des Hausherrn hinter sich herschleifend. Die Hälfte des Absatzes hatte er schon von der Sohle abgerissen. Er legte ihn Hagedorn vor die Füße und sah mit seinen veilchenblauen Kinderaugen vertrauensvoll zu ihm auf: Wenn du mir’n bißchen hilfst, schaff‘ ich auch die zweite Hälfte!

Der Bauer wurde rot: „Ja, Himmiherrgottkruzitürken, Sauviech, elendigs!“ Er riß Flitz den Pantoffel weg, hob ihn am Genick hoch und schüttelte ihn. Als Ergebnis dieses Erziehungsversuchs entschlüpften der hinteren Körperöffnung des weißen Bündels zwei Würstchen, die auf den Teppich kollerten. „Gibt’s denn so was!“ stöhnte der Bauer und setzte ihn schleunigst wieder hin. Flitz blieb wie angenagelt sitzen und umgab die beiden Würstchen mit einem See, so daß sie nun wie Inseln aussahen.

Die Ladnerin stemmte die Arme in die Seiten und lachte schallend: „Dein Gesicht müßtest im Spiegel sehen, Josef! So dumm hast seit Jahren nicht ausgeschaut!“

Der Bauer grinste plötzlich zum Schmidt hinüber: „Wahrscheinlich nicht, seit ich sie geheirat‘ hab!“

„So!“ sagte die Frau und legte sich ein Tuch um. „Jetzt hol ich mir das Radl, Schmidt, und dann fahren wir zum Flocki!“

Beim Schmidt aber blieben alle Versuche der Frau, den Hund in Güte heimzuholen, vergeblich. Wenn sie mit ihm redete, sah er sie aufmerksam, aber unendlich traurig an. Wenn sie ihn streichelte, leckte er ihr die Hand. Aber er kam nicht weiter als bis zur Schwelle, und als sie ihn an die Leine nehmen sollte, warf er sich hin und ließ sich schleifen.

„Hat, glaub‘ ich, keinen Zweck“, sagte der Schmidt. Die Frau seufzte und schate auf den Hund, der sich wieder auf dem Kissen zusammengekringelt hatte.

„Na schön, behalt ihn hier. Ich schau‘ daheim, daß ich…“ Und damit fuhr sie fort.

Als der Schmidt im Bett lag und sich müde gelesen hatte, gähnte er, legte die Brille weg und schate sich dann den Hund an. Der lag bewegungslos mit offenen Augen da. Schmidt schlug auf sein Bett: „Na – hoppchen?“ Aber der Spitz wedelte nur demütig und blieb auf seinem Kissen, den Kopf auf den Füßen. Er seufzte wieder tief.

„Also, dann nicht“, sagte der Schmidt und löschte das Licht. Aber er konnte lange nicht einschlafen und mußte immer auf die Atemzüge des anderen Wesens lauschen, das da in der Dunkelheit bei ihm lag. Wie viele hundert Jahre schien es her, daß er einen anderen Atem neben sich gehört hatte. – Die Frau, das Annerl, der Hans. – Wenn er doch den kleinen Kerl da behalten könnte! Aber die Hagedorns würden ihn bestimmt holen. Dann war die Nacht wieder totenstill.

Und plötzlich wußte er, daß er nicht mehr allein schlafen konnte, so ohne einen anderen Atem. Und da kam ihm eine Idee. –

Man weiß nicht, was die Ladnerin ihrem Mann in dieser Nacht alles erzählt hat. Auf jeden Fall erschien er am nächsten Morgen beim Schmidt in der Tankstelle, wo Flocki unter dem Tisch lag. Der Bauer vermied seinen Bllick und kratzte sich den Kopf: „Ich möchte‘ ihn heimholen.“

Der Schmidt kniff die Augen zusammen: „Er wird wieder weglaufen. Er hat Charakter.“

„Ich geb‘ den Flitz weg.“

„An wen denn?“

„Na – zurückgeben wird‘ ich ihn halt.“

Der Schmidt holte tief Atem: „Magst ihn nicht mir geben? Viel zahlen kann ich dir natürlich nicht, aber…“

Der Bauer sah ihn verblüfft an, dann klärte sich sein Gesicht auf: „Daran hab‘ ich noch gar nicht gedacht! Ja, das ist eine Idee! Wo du doch so allein hier bist und so gut zu den Hundln…“

„Wegen dem Preis“, fing der Schmidt wieder an, aber der Bauer winkte ab: „Ich hab‘ ihn umsonst gekriegt, da will ich nix dran verdienen.“

„Dann will ich dir was sagen“, meinte der Schmidt und war nun ganz aufgeregt. „Geh nach Haus und bring den Flitz her.“ Er legte den Kopf schief: „Dann geht der Flocki bestimmt mit dier!“

Und so geschah es. Fünf Minuten später war der Hagedorn mit dem Flitz da. Flocki stand auf, sah sich ratlos um und warf dem Schmidt einen todestraurigen Blick zu: Jetzt läßt du mich auch noch im Stich!

Hängenden Kopfes ließ er sich von seinem Herrschen an die Leine nehmen und trottete mit ihm von dannen. Der Schmidt griff sich den Flitz und setzte sich mit ihm an den Schreibtisch: „Zu Haus, da hab‘ ich noch ein Paar schöne, alte Pantoffeln! Und hier bei mir bist du besser aufgehoben, das kannst du mir glauben!“

Flocki wurde derweilen zu Hause mit einer vollen Fleischschüssel empfangen, umarmt, gestreichelt, auf das hohe Köpfchen geküßt und auch sonst in jeder Weise wie ein rohes Ei behandelt. Wenn die Hagedorns jedoch geglaubt hatten, daß er sich nun aufatmend wieder in das Familienleben stürzen werde, so hatten sie nicht mit Flockis Charakter und der Tiefe seiner Verwundung gerechnet. Er würdigte das Fleisch keines Blickes und ging statt dessen erst mal auf Inspektion. Er untersuchte das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden, ob nicht der Flitz doch irgendwo versteckt sei und noch einmal über ihn hereinbrechen könnte. Aber auch nachdem er festgestellt hatte, daß das kleine alberne Bündel mit den spitzen Kinderzähnen nirgends mehr war, hielt er Abstand von seinen Leuten. Es war, als ob ihn eine unsichtbare Hand immer wieder zurückrisse, sobald sich die altte, bedingungslose Vertrautheit wieder einzustellen pflegte. Manchmal sprang er auf Frauchens Schoß, aber dann geriet er wieder an die Teppichstelle, wo Flitz vor Angst Ballast abgeworfen hatte, und dann war es für den Rest des Tages erneut vorbei. So blieb nicht anderes übrig, als den entweihten Teppich in das Gastzimmer zu schaffen.

Fast ein halbes Jahr dauerte es, und dann, eines Tages, als ob es in ihm einen Ruck gegeben hätte, war er wieder der alte. Von diesem Moment an bewachte er wieder Haus und Hof und behandelte auch die altgewohnten Kunden mit Mißtrauen – so wie jetzt mich, als ich mich im Laden zu ihm hinunterbeuge.

 

Für all diejenigen Leser, die diese kleine Geschichte für „weit hergeholt“ halten:

Auch ein Bruder meiner lieben Gilla, der Gasco, hatte, weil er sich in seinem ersten neuen Zuhause nicht wohlgelitten fühlte, sein „Bündel geschnürt“, war von dort ausgezogen und musste von der Loreley geholt werden. Er hatte schließlich in Essen seine neue Heimat gefunden, wo er sich geliebt und akzeptiert gefühlt hat.

Merke: Spitze verschenken nicht einfach ihr Herz an jeden x-beliebigen – man muss ihre Achtung schon verdienen!