Der Wassereimer

Wir waren auf einem Spitztreffen im Hunsrück. Wir, das waren Banja, Griepto, der alte Otto, das „Küken“ Gilla und ich. Organisiert war es von einem Spitzforum. Ein Mitglied des Forums hatte einen großen Garten, in dem ein Teil der Gäste, die bereits am Vortag aus größerer Entfernung angereist waren, zeltete. Auch wir fünf gehörten dazu. Ein anderer Teil der Gäste kam am nächsten Tag dazu und wir unternahmen einen schönen Spaziergang mit anschließendem Grillen auf einem Hundeplatz.

Zu den am Vortag angereisten Gästen gehörte auch eine Frau aus Belgien mit einer wilden Meute hübscher Finnenspitz-Damen.

Für Banja, die derzeit mein Rudel anführte (selbstverständlich nach mir), war diese Situation eine echte Herausforderung, denn zu dem inzwischen sehr in sich ruhenden und loyalen Griepto und dem bereits greisen, fast 18jährigen Öttchen war gerade frisch die „kleine“ Gilla gestoßen. Sie war unsere Welpilette, die aber trotz ihres noch sehr zarten Alters die meisten der anwesenden Spitze bereits überragte. Ein neues Rudelmitglied bringt immer mehr oder weniger Unruhe ins Rudel. Und nachdem Banja einige Tage zum „Auftauen“ gegenüber dem neuen Rudelmitglied gebraucht, Gilla aber inzwischen „adoptiert“ hatte, hatte sie wohl das Gefühl, die Pfründe ihres Rudels auf diesem Treffen mit besonderem Nachdruck abstecken zu müssen.

Da die Leithündin der roten Finninnen natürlich ebenfalls eine äußerst selbstbewusste Hündin war, vergaßen die beiden mal ganz schnell ihre guten Manieren und es ging nicht anders, als sie vor den Zelten anzupflocken.

Da es eigentlich das schönste Wetter für ein Spitztreffen mit Spaziergang und Grillen war, war es recht heiß und viele der Hunde genossen unterwegs ein Bad in einem kleinen Bach. Auf dem Hundeplatz angekommen, waren natürlich alle sehr durstig. Aber dafür stand schon ein Eimer mit frischem Wasser bereit. Die Hunde stürzten sich auf den Eimer und da wir nicht die ersten waren, warteten meine Hunde erst einmal geduldig, bis sie an die Reihe kamen. Da die Finninnen noch nicht da waren, lief Banja frei.

Sobald aber Banja einen Platz am Wassereimer ergattert hatte, wurde sie äußerst unwirsch gegenüber den anderen Hunden. Sie hatte den Eimer für ihr Rudel in Beschlag genommen und auch, als sie selbst genug getrunken hatte, blieb sie unmittelbar neben dem Eimer stehen und achtete darauf, dass Otto, Griepto und Gilla in Ruhe trinken konnten. Aber wehe, es näherte sich auch nur ein anderer Hund dem Eimer, weil er ebenfalls Durst hatte – dann flippte Banja regelrecht aus! So friedlich und ruhig sie auch während des Wartens gewesen war, so explosiv gebärdete sie sich nun. Sie war offensichtlich der Auffassung, dass dieser Wassereimer ab sofort ihrem Rudel gehörte. Als dann noch die durstigen Finnenmädels eintrafen, war es endgültig vorbei mit der Ruhe. Banja musste an die Leine und am Zaun angebunden werden.

Auch die roten Finnenspitzdamen, die ebenfalls den Wassereimer zu okkupieren gedachten, bekamen ihren Platz am Zaun und während die anderen Hunde (mit Ausnahme des schwer verhaltensgestörten Mogli, der leider als Einziger außerhalb des Geländes bleiben musste) ihren Freilauf auf dem schönen Gelände genossen, die verschiedenen Geräte ausprobierten und sich vergnügten, gifteten sich die Finninnen und Banja während des ganzen Grillfestes mit einer Beharrlichkeit an, die unser aller Nerven arg strapazierte.

Toshiba Digital Camera

Der Wassereimer wurde nun von uns Menschen mal zu Banja, mal zu den Finnenspitzdamen gebracht, damit sie ihre vom Dauerbellen gestressten Kehlen anfeuchten konnten. Zwischenzeitlich stand er außerhalb der Reichweite beider, denn schließlich mussten auch die anderen Hunde trinken können. Manche von ihnen trauten sich kaum noch an den Eimer heran, denn selbst auf Abstand versuchten die beiden verfeindeten Parteien noch, ihren Besitzanspruch wütend klarzustellen und dummerweise war nur ein einziger Eimer da…

Zu dieser Geschichte muss ich vielleicht für all diejenigen Leute, die sich (noch) nicht so sehr gut mit Hunden auskennen, etwas zu Rangordnung und Machtverhalten von Hunden und Hündinnen erklären. Für Laien häufig überraschend ist, dass die Führung eines Rudels bei der Leithündin liegt – nicht beim Rüden. Die Rüden haben eine parallele Rangordnung untereinander, wobei grundsätzlich die Hündinnen den Rüden übergeordnet sind.

Aufgrund dessen sind die häufig so hochstilisierten Auseinandersetzungen unter Rüden, auch wenn diese größer und imposanter wirken, im Allgemeinen wirklich harmlos im Vergleich zu den Auseinandersetzungen der Hündinnen. Denn während es bei den Rüden lediglich um die Rangordnung geht, und diese Frage können loyale Rüden auch häufig ohne Zähne klären (es gibt eine ganze Reihe von Dominanzgesten!), geht es bei Hündinnen um die Frage der Arterhaltung (Welche Hündin hat das Recht, gedeckt zu werden und Welpen aufzuziehen?). Das bedeutet, dass Rangkämpfe unter Rüden, selbst, wenn sie wirklich einmal „blutig“ ausgetragen werden sollten, zu Ende sind, wenn klar ist, wer der Stärkere ist. Meist ist das dann, wenn einer der beiden Herren auf dem Rücken liegt und der andere über ihm steht. Der unterlegene Hund hat für solche Situationen normalerweise Beschwichtigungsgesten in seinem Verhaltensrepertoire (bei Terriern leider oft „weg-gezüchtet“!), auf die das überlegene Tier reagiert, indem es nach meist kurzer Wartezeit den Unterlegenen gehen lässt.
Hündinnen-Kämpfe dagegen sind praktisch immer sog. „Beschädigungskämpfe“, die erst mit dem Tod einer der beiden Hündinnen enden, sofern die dazugehörigen Menschen es nicht schaffen, den Kampf vorher zu beenden. Das macht die Vergesellschaftung nicht unmittelbar (in 1. Linie) verwandter Hündinnen nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn sie so archaisch gestrickt sind wie die Spitze (und alle anderen „Spitzartigen“, zu denen beispielsweise auch Schlittenhunde, Chows oder Akitas gehören). Meistens geht es gut, so lange der Mensch als übergeordnete Instanz dabei ist und so lange keine der Hündinnen läufig ist/ kein Rüde dabei ist. Wird aber eine der Hündinnen läufig (das gilt besonders für noch nicht synchronisierte, rangniedere Hündinnen) und/oder hat man ein gemischtes Rudel, sollte man sich gut überlegen, ob man die Damen einfach allein lässt, wenn man Einkaufen geht oder ob man sie nicht doch besser auseinander sperrt. Dies gilt in allererster Linie für intakte, also nicht kastrierte Hündinnen.
Das heißt allerdings nicht, dass das Leben für Kastrat(inn)en einfacher wäre. Kastraten, ganz gleich, ob männlich oder weiblich, werden von intakten Hunden meist ganz übel gemobbt, nicht selten auch totgebissen. (Das funktioniert i.d.R. besser, wenn das Tier bereits seit langer Zeit fest ins Rudel integriert ist und dann z.B. aus med. Gründen kastriert werden muss. Allerdings rutscht es dann normalerweise in der Rangordnung ganz nach unten.) Der Hintergrund dafür ist recht einfach: Insbesondere kastrierte Rüden riechen für die anderen Hunde genau so, wie eine Hündin kurz vor der Läufigkeit. Und zwar ständig (während die anderen Hündinnen normalerweise ihre Läufigkeit mit der der Leithündin synchronisieren). Dadurch fühlen die anderen Hündinnen sich provoziert und die anderen Rüden fühlen sich animiert, den Kastraten zu besteigen, was der Kastrat, da er sich wie ein Rüde fühlt, natürlich nicht akzeptiert. Die Folge sind Beißattacken gegenüber dem Kastraten sowohl seitens der Hündinnen, als auch seitens der Rüden. Ausnahmen bestätigen natürlich auch diese Regel.
Ein unschönes, aber wichtiges Thema, über das die meisten Besitzer von Rudeln und Züchter lieber schweigen oder versuchen, es herunter zu spielen – sicherlich auch nicht ganz uninteressant für Leute, denen von wohlmeinenden „Tierfreunden“ erzählt wird, eine Kastration würde dem so verstümmelten Tier „mehr Ruhe“, im Sinne von „weniger Auseinandersetzungen“ bringen und es leichter erziehbar machen. Kastration ersetzt definitiv keine Erziehung und sorgt, im Gegenteil, für wesentlich mehr Probleme des Ärmsten im Zusammensein mit anderen Hunden. Gegen die gern ins Feld geführte „Erfahrungen“ dieser angeblichen Tierfreunde sprechen ganz klare wissenschaftliche Untersuchungen, die zu dieser Thematik gemacht wurden und belegen, dass es zu keinerlei positiver Verhaltensänderung durch Kastration kommt. Auch die immer heraufbeschworene „ungewollte Vermehrung“ der Hunde lässt sich sehr einfach und wirksam verhindern durch Halsband und Leine!

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