Drei Geschichten – drei Schicksale

Heinz Steguweit

aus: Kamerad Hund (Heinrich Mühr; Safari-Verlag; Berlin; Jahr nicht angegeben)

 

Mutter Hund

Nicht weit von Wesel hat der Baron v. Legan ein großes Ackergut, tausend Morgen, so heißt es, das ist ein kleines Vaterland. Man baut dort Rüben, man baut auch Roggen und Hafer, aber die Geschichte, die sich hier zugetragen, kreist nicht um die Früchte des Feldes, ein Tier ist ihr wunderlicher Held, ein Tier, das mit dem Namen Senta gerufen wurde, und diese Kreatur war ein weiblicher Hund.

Es geschah, daß die Mutter des jungen Barons einst sagte, die Senta sei träge und fett geworden, solche Eigenschaften wären nicht weidgerecht, auch habe das Tier in den letzten Nächten das Bellen vergessen; irre sie sich nicht, so habe man die Hündin doch damals nicht nur zur Jagd gekauft, sondern auch zur Bewachung der Scheunen und Ställe. Der Baron, der das Tier seit Tagen nicht mehr gesehen hatte, ging sofort auf den Hof, klopfte mit der Reitpeitsche an die hölzerne Tonne, die dem vierbeinigen Diogenes als Behausung diente. Und Senta schnupperte mit der Schnauze durchs Tonnenloch, so zaghaft zwar, als ahne sie nichts Gutes.

Da griff ihr der Baron barsch nach dem Nacken, zog sie am Fell aus der runden Hütte, doch ließ er das winselnde Tier sofort wieder los: Sechs kleine Hündchen hingen schmatzend an Sentas Bauch, sechs winzige Geschöpfe, die mit hörbarem Behagen ihren Durst stillten!

Vierzehn Tage mochten so vergangen sein, da verirrten sich zwei von den sammetweichen Hundekindern in den Salon der Gutsleute, doch das Entsetzen war allenthalben groß, als sich die minderwertige Rassenmischung von Sentas Wurf zum ersten Male zur Schau stellte. Und da es von jeher in den freiherrlichen Hofes Grundsatz war, bei der Viehzucht auf strenge Reinheit der Rassen zu achten, ließ der Baron auch in diesem Falle das alte Hausgesetz gelten: Niemand sollte Gelegenheit nehmen, den Hofherrn wegen einiger Bastarde zu verlachen, deren Mutter zwar eine schottische Hirschhündin gewesen sei, der Vater indessen ein Pudel, vielleicht ein behäbiger Neufundländer.

Darum erhielt der Hofmeister den strengen Befehl, vier von den Jungen sofort im Rhein zu ertränken, die letzten zwei sollten so lange beim Muttertier bleiben, bis dieses seinen Wurf der Nährmilch entwöhnt habe.

Der Hofmeister vollführte die Weisung, nur der Baroninmutter kamen die Tränen, als Senta am Abend heulend und winselnd durch alle Zimmer, Ställe und Scheunen lief, ihre fehlenden vier Kinder zu suchen. Und da die Hündin sie nicht fand, schenkte sie ihre ganze Liebe den letzten zwei Jungen, die sie ausgiebig beleckte und nie mehr allein ließ, aus Angst, man könnte ihr auch diese noch nehmen.

Senta hatte nicht falsch gewittert: Sechs Wochen waren vergangen, da kam der Hofmeister mit einem Korb, steckte die beiden Hundekinder erbarmungslos hinein, klemmte den Deckel fest zu und verließ um die Mittagsstunde den Hof. Obwohl er bis zum Rhein ein flinkes Auto benutzte, war ihm Senta jammernd gefolgt; als er mit seinem Korb eine Ponte bestieg, um nach dem anderen Ufer zu fahren, hatten die Leute diesseits des Flusses ihre Mühe, das bis zur Tollwut gereizte Muttertier zu bändigen.

Denn längst war der Hofmeister auf dem fernen Rheinufer an Land gegangen, als Senta, immer noch heulend, zitternd und winselnd hinüberspähte, den gelben Korb mit den Augen suchend, jenen Korb, in dem man die letzten beiden Hundekinder entführte, um sie einem Bauern, nicht weit von Kleve zu schenken.

Abends lag Senta knurrend und mit giftig drohenden Augen vor ihrer Tonne. Wer vorüberging, den fiel sie bleckend und mit triefenden Lefzen an; und als die Baroninmutter kam, das einsame tier mitleidig zu streicheln, verkroch sich Senta in ihrer Tonne, als habe sie mit keinem Menschen mehr etwas zu schaffen. Der Gutsherr lachte und meinte, die Wut der beleidigten Hündin würde sich bald mildern; nur der Hofmeister zuckte die Schultern hoch, als sei ihm das Tier doch unheimlich geworden.

Die Nacht verging, der frische Morgen kam, am Fenster des Herrenhauses stand der junge Baron und sah nach dem Hahn auf dem Kirchturm.

Nie war der junge Baron so schnell aus dem Fenster gesprungen; er stand auf der einsamen Straße, die Sonne war erst vor einer Stunde aufgegangen, ihr kupfernes Licht blinkte gespenstisch in jedem Blutstropfen, der im Staub der Landstraße gerann. Der Gutsherr prüfte die Spur klopfenden Herzens, links führte sie in das weite Viereck des Hofes, rechts konnte man sie bis zum Rhein verfolgen. Da ging der Baron in die Scheunen und Ställe, bis er Sentas Tonne sah, die mitten in einer Blutlache stand. Er klopfte an den hölzernen Boden, so höflich fast, wie man an fremde Türen zu pochen pflegt.

Da geschah das Absonderliche: aus dem Faß krochen winselnd jene beiden Hündchen, die der Hofmeister am Tage vorher über den Rhein nach Kleve getragen hatte. Die Tierchen tropften vor Nässe, in der Tonne selber ließ sich ein drohendes Knurren vernehmen. Der Baron rief den Hofmeister, und als dieser kopfschüttelnd die kleinen Heimkehrer streicheln wollte, schoß Senta mit grimmigem Gebell aus dem Tonnenloch. Da sahen die Herren, woher die Blutspuren stammten: die Pfoten der Hündin waren durchlaufen, das Fell zeigte Risse und Wunden, als sei es von Dornen, Glasscherben und Stacheldrähten so zugerichtet worden. Bald lief das ganze Gesinde zusammen, und jedem wurde offenbar, was die arme Hundemutter in der Nacht geleistet hatte.

Doch der Gutsherr hatte nicht mit seiner Mutter gerechnet, die nichts sagte, die nur einen Kasten mit Salben und Wundleinen öffnete, um die blutende Hündin zu verbinden. Und von der Baroninmutter ließ sich Senta berühren, sie knurrte und bleckte nicht, sie sah nur mit dankbaren Augen der Samariterin ins Gesicht. Als dann das Tier, von der Hatz des nächtlichen Abenteuers geschwächt, den Kopf zu einem Schläfchen auf die umwickelten Vorderpfoten duckte, stand die greise Baronin auf und gab ihrem Sohn die Weisung, er habe darauf zu achten, daß weder dem alten Tier noch einem seiner Jungen irgendein Leid geschähe!

Da der junge Gutsherr etwas einwenden wollte, drückte ihm die Mutter den Finger auf den Mund und belehrte ihn solchermaßen: „ I c h v e r s t e h e d a s b e s s e r , i c h b i n e i n e M u t t e r!“

 

Das Wunder

Ich gehe meinen Schlendrian, nage an den Lippen und habe Sorgen, die das Brot betreffen, das Land, die Familie. Aus dem Vorgarten eines bürgerlichen Hauses sehe ich einen Herrn treten, der seinen Schäferhund auf die Straße läßt, aus rein geschäftlichen Gründen, versteht sich. Wie lange mag das lustige, vor Freude schier winselnde Tier die Wohltaten von Luft und Sonne wohl entbehrt haben? Es galoppiert fast eine Gruppe spielender Kinder über den Haufen, es schnuppert mit der Nase im Staub, labbert endlich mit der heißen Zunge im Wasser einer Regenpfütze.

„Pfui, Wolf!“ herrscht ihn sein Besitzer an: Wolf hat aber Durst, Wolf labbert weiter.

„Hierher, Wolf!“ schreit der Herr, pfeift ein Signal und schwingt schon die drohende Peitsche; Wolf labbert immer noch, er ist ja so jung, er ist zu durstig, er kennt noch nicht das scharfe Gesetz des Gehorsams.

Da springt der Besitzer los auf das Tier, packt es am Leder seines Halsbandes und züchtigt die hilflose Kreatur grausam mit der zischenden Peitsche. Wolf windet sich vor Schmerz; um Schnauze, Nase, Augen, Leib und Beine brennen die scharfen Striemen des Leders. Unaufhörlich rast die Wut des Herrn und läßt nicht ab. Wolf wird entehrt und geschunden.

Mir steht das Herz. Ich rufe den Henker an: – „Genug, genug! Sie verderben den Hund, Sie vernichten seine Treue!“

„Was geht Sie das an!“ und er prügelt fort. Da falle ich dem Peiniger in die Arme, reiße ihm das Instrument seiner Grausamkeit aus der Faust, stoße ihn von mir, da er mich schlagen will.

Ich hatte mich mit meinem Erbarmen verrechnet. Ich danke es der Hilfe dieses Herrn, daß mich der Hund nicht in Stücke riß. Ich suche den Sinn dieses Wunders und finde ihn nicht, da ich nur ein Mensch bin.

 

Johannes und Kelly

Auf seiner Brust baumelte immer noch die Blechmarke aus den Tagen des Krieges. Ein garstiges Medaillon, das damals wie heute den gleichen Zweck hatte: wer den Menschen, der es trug, irgendwo hilflos fand, sollte ihn erkennen. Darum stand damals wie heute auf dem Blech geschrieben: Johannes Kilian, Musketier . . .

Alle Leute sagten, der große Krieg wäre schon seit mehr als 10 Jahren zu Ende. Und die es sagten, gingen wieder friedlicher Arbeit nach, sofern sie welche leisten durften; in Kontoren und Fabriken, in den Aeckern oder in der Werkstatt daheim.

Johannes Kilian gehörte nicht zu diesen Tätigen, auch zählte er sich nicht zu denen, für die der große Krieg schon seit langem zu Ende war: seine Augen waren stumm geworden vor dem Licht, sie gaben der Seele nichts mehr weiter von dem, was so bunt und vielfältig war in der Welt. Das alles stand auch in seinen Papieren, obzwar nur kurz und bündig: Kopfschuß! –

Für dieses Wort bezog der Johannes Kilian eine Rente. Um das gleiche Wort litt er Schmerzen. Leise und ohne Belästigung für seine Mitmenschen.Stumm und ohne laute Anklage wider das Schicksal, von dem er sich verraten fühlte.

Da es heute warm war und ein festlicher Duft durch den Garten zog, wußte Johannes, daß es nicht mehr weit sein konnte vom Frühling bis zum Sommer, Irgendwo flötete eine Amsel, die Pumpe tröpfelte, eine summende Biene bettelte schon um Honig. Der Blinde lächelte, sein Ohr empfing die Geräusche dankbar, als gäbe es noch Wunder, als gäbe es noch eine Verklärung über das Licht hinaus. Da stand Johannes auf von der Bank, und während er aufstand, wehte ihm ein heißer Atem entgegen. Dieser Atem kam von einem Tier, von einem Hund, dessen Zügel der Invalide nur abends aus den Händen legte.

„Kelly“, rief der Blinde, und die gütige Kreatur preßte ihr warmes Fell an die Beine des Herrn. „Kelly, wir wollen in die Felder gehen!“ –

Und sie schritten durch den Garten, verließen das Haus, wurden von Lärm der Straße umfangen. Aber nicht Mensch und Tier schienen sich ihren Weg durch die Brandung der Stadt zu suchen: Da war einer die Hälfte des andern, und jeder wollte straucheln, wenn er den Nachbarn nicht mehr spürte. Kam eine Stufe, gab der Hund einen knurrenden Laut. Lag eine Pfütze im Weg, wurde der Tastende behutsam zur Seite gedrückt. Und rollte ein Fahrzeug über den Damm, dann bellte das Tier, doch bellte es nicht wie die Uebermütigen unter seinesgleichen, nein, dieses Bellen war Auflehnung, war Angst um ein Leben, für das sich der Hund verantwortlich fühlte.

Vielleicht ist es so: Suchet einen Menschenfreund, doch wundert euch nicht, wenn ihr ihn findet unter den Tieren! –

So kamen Johannes und Kelly in die Felder, nach denen der Blinde verlangt hatte. Gewiß, der Hafer stand noch im grünen Halm, man hörte den Wind noch nicht über die Körner singen. Aber die Lerche schwirrte schon hoch in der Luft, die Bäume am Straßenrand rochen nach Saft, im Graben quarrten verliebte Unken.

Da lief ein Zittern durch die Beine des Blinden, der keine weiten Wege mehr gewohnt war. Oder die Fülle der Natur hatte die Seele müde gemacht, so daß der Leib des Ruhens bedurfte. Der Hund verstand das Zittern, obwohl Johannes kein Wort gesprochen hatte. Also zog Kelly seinen Herrn dorthin, wo ein gefällter Baumstamm am Wege lag. Hier konnte dem Blinden kein Unheil geschehen, mochten auch Pferde vorüber traben oder Kraftwagen gleich ungestümen Geschossen zur Ferne rasen. Und Johannes setzte sich auf den Stamm, dann strichen seine Hände über das Fell des Hundes, dessen Zunge über die triefenden Lefzen flatterte.

Als es Abend wurde, hatte Kelly wieder zu beweisen, daß er ein kluger Gefährte sei: Wenn sein Herr ein Geldstück in Papier wickelte, mußte das Tier seine Botendienste tun. Morgens zum Bäcker, mittags zum Wirtshaus, abends wieder zum Bäcker. Kelly unterschied die Tageszeiten nicht schlechter als sein Herr, der nach jedem Stundenschlag der Turmuhren horchte. Also ließ sich der Hund die Münze ins Halsband stecken und galoppierte auf sicherer Fährte zur nahen Stadt, da Johannes Kilian diesmal im Freien sein Abendbrot teilen wollte. Immer wieder blickte Kelly sich um nach dem Einsamen, zuweilen gab das Tier noch bellenden Laut, vielleicht aus Sorge, denn nur ungern ließ es den Hilflosen zurück. Seit Jahren schon. –

Johannes Kilian wartete eine volle Stunde. Wartete, bis die Sterne kamen, die er nicht sah. Wartete, bis die Luft kälter unde der Wind schneller wurde, dann stand er auf von dem Stamm und wußte: Kelly kommt nicht mehr wieder! –

Langsam, einen Schritt vor den andern setzend, tastete sich der Blinde von Baum zu Baum. Und als er die ersten Häuser hörte, nahmen sich die Leute seiner an. –

Nein, Kelly kam nicht wieder. Ihn, der friedlich war und die Menschen für wertvoller hilt als sich selbst, ihn hatte im Unterholz des Waldes ein Wilderer gefangen, der von den Künsten des Tieres wußte. Und da es dem Strauchdieb nicht nur um die karge Rentenmünze ging, die er unterm Halsband fand, schleppte er die winselnde Kreatur zur Nacht in die Stadt und sperrte sie, mochte sich Kelly auch verzweifelt gegen diese Demütigung wehren, in einen Zwinger, aus dem ein ahnungsloser Käufer den Hund nach zwei Tagen befreite.

So trat das Tier eine weite Wanderschaft an, über drei Dörfer bis in die Einsamkeit eines Sommerhauses, wo man seiner Wachsamkeit bedurfte, weniger seiner Treue. Und Kelly, der gewöhnt war, seine tierischen Tugenden mit menschlichen vergolten zu sehen, mußte sich der unwürdigen Last einer Kette beugen, deren Klirren ihn immer wieder an die Schmach dieser Gefangenschaft mahnte.

Zehn Tage lang versuchte der Hund die eisernen Fesseln zu zermalmen. Bis seine Zähne stumpf waren un seine Zunge blutete. Dann ergab er sich in sein Schicksal, knurrend und mit Grimm, obzwar man ihm zu jeder Mittagstunde sein Futter reichte. Aber selbst diese Spende nahm Kelly erst an, als ihn der Hunger des fünftes Tages lähmte.

Oft geschah es, daß der Herr des Sommerhauses ans Nachdenken kam: Warum heult das Tier in den Nächten? Ist es Trauer, was in diesen Augen nistet? Ist es Anklage, wenn sich der Kopf mürrisch auf die Pfoten duckt? –

Indessen wartete Johannes Kilian von einer Woche in die andere. Zwar nahmen sich die Nachbarn seiner an, wenn er einen Helfer brauchte. Doch minderte sich bei den Menschen die Barmherzigkeit, je öfter man ihrer bedurfte, während das verschollene Tier keine Launen gekannt hatte, keine Ausrede und kein Widerwort. Kelly war großmütiger gewesen, er hatte gedient aus Liebe, und diese Tugend war eine dauerhaftere als das bare Mitleid.

Man hatte dem Blinden schon geraten, den Verlust des Tieres in der Zeitung zu melden. Johannes befolgte den Rat, aber das Echo blieb aus. Oder es kamen Spötter, die vom Essigtopf redeten und den Kauf eines neuen Hundes empfahlen. Als ob sich alles ersetzen ließe in der Welt. Als ob die Nacht, die den Geschlagenen umgab, nicht auch ihre Sterne hätte, um die man trauerte, wenn sie nicht mehr kamen.

So geschah es, daß der Blinde seinen Schmerz nicht mehr bändigen mochte. Daß er sich auflehnte gegen die Mächte, die ihn quälten. Denn ihm war das Tier kein Tier gewesen, kein Gegenstand, dessen Verlust sich verbuchen ließ wie die Ziffern der Wechsler und Händler. Johannes Kilian wollte sich abermals von einer Zeit verraten wissen, die den Menschen wohl gewitzter, mitnichten gerechter machte. Ja, er verstieg sich soweit, die Schuld allen Elends auf den Einzelnen zu werfen, den das Schicksal verschont habe; denn er, den die Ungnade der Nacht mit der Gnade friedlicher Erkenntnis segnete, wisse besser als die andern, daß das Tier eine Welt gewesen sei, eine vollkommenere als die der Mitleidigen und sehenden Weißen.

Die Nachbarn, die ob der Anklage des Blinden nur schweigen wollten, versuchten keinen Trost mehr; sie wußten, daß dem Einsamen kein andrer helfen konnte als Kelly. Und sollte der Kummer des Blinden auch der des Tieres geworden sein, dann mußte dem, der den Hund womöglich in Kost und Obdach hatte, die auch der tierischen Kreatur nicht fremde Regung der Trauer und Anklage aufgegangen sein. Also ging man zu Rate, und da es sich über die Fahndung nach Kelly hinaus auch lohnte, den Blinden Johannes Kilian mit den Menschen seiner neuen Zeit zu versöhnen, wandten sich die Nachbarn an den Rundfunk ihrer Landschaft. Es musßte möglich sein, mit Hilfe der menschlichen Sprache in die ungezählten Hütten und Häuser zu dringen, um die Güte aller Verschonten für den Geopferten aufzurufen.

Ja, der Kummer des Blinden war auch der des Tieres geworden. Und dem, der den Hund in Kost und Obdach hatte, war die der tierischen Kreatur nicht unbekannte Regung der Trauer und Anklage längst aufgegangen.

„Es stimmt etwas nicht mit dem Hunde,“ sagte der Herr des fernen Sommerhauses. Und da er sich nicht auskannte mit derlei Getier, rief er den Förster zu Hilfe. Und da der Förster sich den Fremdling besah, wie er an der Kette riß, das Gefängnis der Tonne mit getrübten Augen belauerte und nur knurren und die Zähne blecken wollte, ging ein Lächeln durch das Gesicht des Beamten: Er glaubte, das Zauberwort zu wissen, das den Hund aufscheuchen musste aus seiner Dämmerung.

„Kelly!“ rief der Förster, und der geduckte Kopf des Tieres erwachte aus wochenlanger Versunkenheit. „Kelly!“ rief der Förster abermals, und der Hund verließ, so weit die klirrende Kette es erlaubte, den Kerker der Tonne. Schnuppernd und wedelnd schmiegte sich das Tier an die Beine des Beamten, dann bellte Kelly, geweckter als sonst, und zum erstenmal fügte er sich wieder der streichelnden Hand eines Menschen.

Dem Erstaunen des Hausherrn half der Förster aus seiner Verlegenheit: „Sie haben keinen Rundfunk? Gestern wurde es dreimal durchgesprochen: Ein Kriegsblinder vermißt seinen Kameraden. Deutscher Schäferhund, hellbraunes Fell, kräftiger Kopf, hört auf den Namen . . . “

„Kelly!“, rief da auch der Herr des Sommerhauses und hatte den wedelnden Heimtücker schon zum Freunde. – – –

Bald wurde der Sommer reif, der Hafer hatte pralle Körner, und der Wind sang leise hindurch. Johannes Kilian aber schritt wieder üer die Felder, den Hund fest am Zügel und die Augen dem Licht zugewendet, als wären sie seiner Kraft teilhaftig geworden. Der Blinde und sein Tier mochten sich versöhnen mit allem, was vergangen war. Kelly diente wieder, großmütig und dauerhafter als die Mitleidigen. Der mit den toten Augen aber genaß im Herzen, weil das lebendige Ohr der Seele alles weiter gab, was so bunt und vielfältig geworden war in der neuen Welt. Und diese Vielfalt drang nicht nur im reifen Acker zu ihm, auch die Abende des Winters hellten sich auf, wenn der Blinde daheim saß, lauschend und das ruhende Tier zu seinen Füßen. Dann klang die Fülle des Alls durch den Raum, und der Geschlagene vernahm sie besser als die Verschonten: weil er allein die Demut lernte vor den neuen Stunden, als gäbe es noch Wunder, als gäbe es noch eine Verklärung über das Licht hinaus.

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