Zuchtgeschichte

Da die meisten derzeitigen Züchter über die Entwicklung der Spitz-Zucht nur wenig wissen, diese aber eine entscheidende Rolle für die aktuelle Situation spielt, sei mir hier ein etwas ausführlicherer Abriss der Zuchtgeschichte gewährt:

Nachdem der Spitz ursprünglich auf Bauernhöfen, vorwiegend für den eigenen Bedarf, gezüchtet wurde, erschien am 13. April1899 in den beiden Zeitschriften „Zwinger und Feld“ und „Hundesport und Jagd“ folgender Aufruf von Charles Kammerer (Zitat):

Ein Aufruf an alle Spitzerfreunde:

Ich bin gewiss einer Derjenigen, die allen Neuerungen, jedem Fortschritte, jedweder „latest style fashion“ zugänglich sind. Als Industrieller ist man heutzutage gezwungen, mit den neuesten maschinellen Einrichtungen zu arbeiten, genöthigt sich den modernsten sozialen Strömungen der Arbeiter anzupassen; als Weltmann ist es selbstverständlich, dass man sich seine Kleider und Kravatten aus London kommen lässt; natürlich muss man ausserdem noch im Bureau ein Telephon, vor dem Hause einen Automobilwagen und zuhause einen Photographen haben, um (halbwegs wenigstens) als fin de siécle  anerkannt zu werden. Soweit spiele ich noch mit, ja ich gehe noch weiter, ich erkenne gerne an, dass Sport-Enthusiasmus einen oft bis zum Extremen führen kann, und hierbei will ich speciell den heutigen Standpunkt der Kynologie in’s Auge fassen.

Der richtige Kynologe interessiert sich für jede Rasse, gerade so wie sich der Amateur-Athlet für jede Leibesübung interessiert; ebenso wie aber der Athlet sich speciell der Leibesübungen am meisten widmen wird (sei es das Laufen, Ringen, Fechten, Reiten ets.) zu der er sich am Besten befähigt fühlt, so sucht sich auch der Kynologe jene Rasse als Speziallieblings-Rasse aus, deren Dienste er am meisten braucht, oder welche ihm dem Aussehen und Charakter nach am Besten zusagt. Der Waidmann wird je nach der Jagd, der er obliegt, sich eine der Jagdhunderassen wählen, der Hausbesitzer wird sich sein Haus und Hof von einem großen, edlen Wachhunde beschützen lassen, vorausgesetzt, dass nicht gar zu viele Hypotheken darauf lasten, die Salondame wird sich ihre Spitzenschlafröcke durch ein Schoßhündchen zerreissen lassen und last not least, wozu wären die Möpse auf der Welt, wenn selbe nicht den alten Jungfern besonders ans Herz gewachsen wären.

Während nun die Kynologen den Hunde-Sport im Allgemeinen fördern, so müssen die Spezial-Clubs, das sind die Vereinigungen von Liebhabern der einzelnen Rassen, wieder sich jeder mit vollem Interesse der Reinzucht, der steten Vervollkommnung und Veredlung einer einzelnen Rasse widmen. Jede Rasse hat ihre speziellen Vorzüge und ihren speciellen Charakter, jede wird ihrem Züchter Freude und Genugtuung bereiten.

Es ist leicht begreiflich, dass manche Rassen mehr, manche weniger Anhänger finden, aber es ist andererseits bedauerlich, dass viele züchtenswerte Rassen gar zu sehr vernachlässigt werden. Die Überproduktion von manchen Rassen, zum Beispiel etwa von Teckeln und die Sucht, dennoch für alle Preise zu ermöglichen, wird es noch dahin bringen, dass manche separate Klassen für solche, die 6 Kilo 80 deka*), solche, die 6 Kilo 90 deka, solche, die 7 Kilo und so fort wiegen, wird einrichten müssen, kurz für je 10 deka Mehrgewicht eigene Klasse aufstellen muss, um alle Preisbewerber zufriedenstellend unterzubringen. Bei einer Überproduction von Barsois könnte man dann eventuell um mehr Klassen zu erzielen, selbe in Barsois, die 36 Centimeter, die 42 Centimeter und die 48 Centimeter Taillenweite messen, einteilen. Ich gönne jeder Rasse ihre Erfolge von ganzem Herzen, aber sobald einmal eine Rasse so zahlreich gezüchtet wird, dass man auf künstlichem Wege neue Klassen schaffen muss, um mehr Preise verteilen zu können, so ist dies ein Zeichen, dass für diese Rasse und deren Zucht reichlich gesorgt ist. Unwillkürlich kommt dann demjenigen Kynologen, der kein fanatischer Spezialist ist, die Idee, warum diese oder jene andere Rasse vernachlässigt wird, und so komme ich nun denn auf das Stiefkind zu sprechen, von dem ich heute ein Wort reden will – auf die Rasse der Spitze.

Man sagte mir einst: der Spitz ist kein „sporting dog“, man kann ihn nicht so lang wie den Teckel, nicht so dünn wie den Barsoi züchten, nicht so groß wie den Bernhardiner, nicht so eckig wie den Bulldog züchten – darauf erwidere dem Redner pünktlichst: „Ja und man kann die Spitze auch trotz aller Mühe nicht auf jenes geistig beschränkte Niveau herabzüchten, auf welchem Sie stehen!“ Die Rasse der Spitze ist eine der vielseitigst schätzenswerten. Der große Wolfsspitz, der bis zu 55 cm hoch, bis zu 60 Pfund schwer wird, ist bereits ein sehr tüchtiger, starker Wachhund, die mittelgroßen weißen und schwarzen Spitze sind einerseits sehr hübsche, andererseits bequem in Stadt und Familie zu haltende Tiere und endlich die kleinen Zwergspitze sind Schooshunde „par excellence“, reizend anzusehen, lebhaft, possierlich und doch gar nicht so zimperlich wie so viele der übrigen Schooshunde.

Während obengenannnte drei Spitzersorten sich je nach Grösse sowohl als Wach- und Hof- als auch Luxus- und Schoßhunde bestens eignen, so sind nun die folgenden Eigenschaften sämmtlichen Spitzer-Varietäten in hohem Maße eigen.

Tadellose Treue und Anhänglichkeit, große Wachsamkeit, bis an Frechheit grenzenden Schneid, hohe Intelligenz und eine außerordentlich hübsche stramme, auch für das Auge des Laien wohlgefällige Gesammterscheinung.

Wie ungerecht ist es doch, dass dem Spitze in Deutschland verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit, so wenig sportliches Interesse gewidmet wird. Ich sagte ausdrücklich, dass man in Deutschland dem Spitze zu wenig Interesse widmet, denn anderwärts weiss man ihn besser zu würdigen.

Auf den jährlichen Ausstellungen im Madison-Square-Garden in New York, in der Agricultural-Hall Philadelphia und in Chicago, wo ich meine allerersten Schwimmlektionen durch die Wogen der Kynologie genoss, da waren Spitze gern gesehene, beliebte Ausstellungsteilnehmer, nicht zahlreich, aber meist recht gut vertreten. Der I. Preis offene Klasse betrug stets 16 Dollars = 60 Mark, der II. Preis 10 Dollars = 40 Mark, der III. Preis 5 Dollars = 20 Mark. Ehrenpreise kamen dann noch separat dazu. Im Amerika bekommt man heutzutage um 50 Dollars = 200 Mark bereits einen erstklassigen Spitz zu kaufen.

England verhält sich noch viel Spitzfreundlicher als Amerika; nehmen wir nur zum Beispiele die letzte große Hundeausstellung an, 43. Exhibition of Sporting Dogs of the Kennel-Club Cristall-Palace London S. E. , 18. X. 1898. Da waren nicht weniger als 44 sage vierundvierzig Spitze anwesend mit 71 Nennungen. Die Preise waren folgende: I. Preis 3 Pfd. St. = 60 Mark, II. Preis 2 Pfd. St. = 40 Mark, III. Preis 1 Pfd. St. = 20 Mark und solcher Geldpreisklassen waren nicht weniger als 13 für die Spitze eingerichtet, außerdem waren 23 wertvolle Ehrenpreise für Spitze vorhanden! Der Pommeranian-Club (Spitzer-Klub) in London ist ein mächtiger Verein, in welchem die allerblaublütigsten Mitglieder des englischen Adels nicht fehlen, die englischen kynologischen Zeitschriften, wie „The Stock Keeper“ oder „Our Dogs“ bringen in jeder Nummer eine größere Spalte „about Poms“ – Spitze betreffend.

Wenn nun Amerika sich des Spitzes ebenso wohlwollend annimmt wie seiner sonstigen Einwanderer, wenn die Heimstätte des Sports auf allen Gebieten, nämlich England, den Pommeranian, den reinen deutschen Spitz zu seinen Lieblingsrassen eingereiht hat, dann wäre denn doch damit bewiesen, dass der Spitz sehr wohl zu den Sporting dogs zählt, dass er züchtenswerth ist, dass ihm auch in seiner Heimat mehr Anerkennung gebührt, als dies in letzter Zeit in Deutschland der Fall war.

Wollen wir uns des Spitzes annehmen, wollen wir ihm in seiner Heimat zu der Stellung verhelfen, die er sich in fremden Ländern selbst erobert hat! Geben wir den Spitzen den wohlverdienten Sitz im Hundeparlamente, gründen wir einen Spitzer-Klub, der sich gänzlich den Interessen sämmtlicher Spitzer-Varietäten widmet.

Ich bin überzeugt, „Hundesport und Jagd“, München, wird uns gerne seine Spalten zur Verfügung stellen und ist vor allen geeignet, unser offizielles Organ zu werden!

Für heute habe ich nur im Allgemeinen zum Zusammentritte, zur Gründung eines Spitzer-Klubs eingeladen, demnächst werde ich mir erlauben, durch dasselbe Organ die einzelnen Varietäten, deren Einteilung und deren offizielle Rassekennzeichen zu besprechen, so dass auf Grundlage derselben dann auf der in Köln 28. – 30. April stattfindenden Hundeausstellung bereits zur Abhaltung der ersten Generalversammlung und Gründung des Spitzer-Klubs geschritten werden kann.

In der angenehmen Erwartung, dass bis dahin sich eine recht große Anzahl Spitzerfreunde melden möge, begrüßt diese aufrichtigst

Charles Kammmerer, Wien X, Erlachgasse 149

Folgende Herren, deren Namen als Spitzer-Züchter und Liebhaber sich des besten Rufes und Ruhmes erfreuen, haben bereits ihre Mitwirkung freundlichst zugesagt:

Herr Fritz Reimann, Elberfeld;
Herr Emil Lange, Bingen;
Herr Albert Kull, Stuttgart;
Herr G. Thaler, Stuttgart;
Herr Carl Zisser, Wien.

*) 1 deka entspricht 10 g

So entstanden zum Ende des 19./Beginn des 20. Jahrhunderts etliche Spitzzuchtvereine. In manchen wurden ausschließlich kleine Spitze gezüchtet, in anderen mehrere unterschiedliche Größenschläge.

Nur kleine Spitze züchteten

  • Erster Mannheimer Zwergspitz- und Schoßhund-Klub
  • Erster Württ. Schoßhund-Klub Stuttgart E.V.
  • Schoßhundklub Berlin und
  • Schoßhundklub Ludwigshafen a. Rh.,

Spitze verschiedener Größenschläge wurden gezüchtet von

  • Deutscher Spitzer-Klub
  • Vereinigung für Züchter und Liebhaber Deutscher Spitze und
  • Verein für Deutsche Spitze

Der Verein für Deutsche Spitze vereinigte sich mit dem Deutschen Spitzer-Klub und schloss sich (entsprechend des Beschlusses der 10. Generalversammlung vom 18.04.1909 in Mannheim) 1910 dem „Kartell“ (Vorläuferorganisation des VDH) an, wo diese bereits zur Gründung als Rasse anerkannt und in den 3 Varietäten

  • Wolfsspitz
  • Großer Spitz
  • Kleinspitz

gezüchtet wurden. Deutlich erfolgt hier bereits die Abgrenzung der kleinen Spitze als Schoßhunde, während die großen Varietäten des Spitzes (30 – 45 cm) auch im VDH noch bis zur Mitte des 20. Jh. als Gebrauchshunde geführt wurden. Ab Ende 1920 wurden die Zwergspitze des Schoßhundeklubs Berlin lt. Beschluss des Kartells vom 10.12.1920 im Zuchtbuch des VfDSp eingetragen. Die großen Spitze als Gebrauchshunde wurden gleichzeitig aber auch von den Jägern des DJV (Deutscher Jagdverband) gezüchtet, um insbesondere den Landwirten kostengünstige und nicht wildernde Hunde anzubieten und die Verbreitung der Tollwut einzudämmen. [Hennecke, Joseph: Der Deutsche Spitz]

In der 7. Generalversammlung des VfDSp am 16.07.1906 in Frankfurt/M. werden die Farben

  • braun,
  • blau,
  • fuchsrot und
  • gescheckt

als Standardfarben anerkannt.

Dabei ist besonders beachtenswert, dass es bis 1965 vollkommen selbstverständlich war, Großspitze und Wolfsspitze miteinander zu verpaaren. Sofern (ausnahmsweise) zwei Wolfsspitze als Elterntiere eingesetzt wurden, wurde dies jedoch manchmal als „reiner Wolfsspitzwurf“ gekennzeichnet. Man muss natürlich berücksichtigen, dass die Zuchtbücher aus dieser Zeit teilweise lückenhaft sind oder auch Wurfeinträge und Statistiken mitunter erst im nächsten oder übernächsten Jahr erschienen. In Anbetracht des Krieges ist dies wohl nachvollziehbar und verständlich. Nachdem 1933 das Hundewesen aufgrund einer staatlichen Verordnung neu geregelt worden war (Außerordentliche Generalversammlung am 03.12.1933 in Stuttgart), erfolgte 1936 die Eintragung von damals 780 Spitzen ins „Reichssammelzuchtbuch“. In den Folgejahren 1939 – 1945 gingen leider auch viele Zuchtunterlagen verloren, bzw. wurden vernichtet. Aus den erhalten gebliebenen Unterlagen möchte ich hier ein paar Zuchtbuchauszüge zu Großspitzen zitieren (die Zahlen hinter den Hunden sind die Zuchtbuch-Nummern, die Hunde in Klammern die Großeltern):

Zuchtbuch Nr. 17 (1936):

F-Wurf vom Lindenhain gew. 25.05.1936
Vater: Lux vom Ravensberg 7652 – graugewolkt
(Fredy am Ziel 2077 graugewolkt – Ala vom Stadtpark 6290 schwarz)
Mutter: Adda Blitz 9997 – weiß
(Hans (Giesecke) 5515 weiß – Lotte Blitz 8082 weiß)
Franz 12463 Rüde wolfsfarben
Fredy 12464 Rüde schwarz

oder

Zuchtbuch Band 38 (herausgegeben April 1958):

B-Wurf vom Dom gew. 16.02.1957
Vater: Max vom Vogtland 2309/Ost – braunbeige
Mutter: Nixe vom Dornröschengarten 47928 – graugewolkt
Baer 50242 Rüde orange
Ben 50243 Rüde orange

Neben den oben schon ersichtlichen Farben finden wir für die Großspitze auch z. B. den Rüden Stropp vom Lauerhaas, WT 14.08.1932, ZB-Nr. 12018 in bräunlichgrau oder die schwarz-weiß gescheckte Lona von der Alb, ZB-Nr. 5265. Das Foto eines grauen Großspitzes (nicht zu verwechseln mit graugewolkt!) findet sich ja bereits im Allgemeinen geschichtlichen Abriss meiner HP.

Im 1962 erschienenen Buch „Der Deutsche Spitz“ schreibt Joseph Hennecke (Zitat):

Was seine Farben anbetrifft, so waren diese schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestimmt abgegrenzt und konstant durchgezüchtet, besonders weiß, isabellfarbig (gelb), selten braun, schwarz und gefleckt.

Die oben zitierten Zuchtbucheinträge werfen natürlich Fragen zu Herrn Henneckes Aussagen auf… 😉

Die einzige einleuchtende Erklärung dafür dürfte in der damaligen Vereinspolitik und anschließenden Einführung der Farbreinzucht (1958) zu finden sein. Zwar gab es durchaus teilweise Farbreinzucht, allerdings war diese dem Verwendungszweck der Hunde (weiß/isabell für Hunde, die zu Hütearbeiten/Viehtrieb eingesetzt wurden, schwarz/dunkel für Hunde, die nachts z.B. in Weinbergen arbeiteten) untergeordnet und durch diesen definiert. Die pauschalisierte und zum Dogma erhobene Farbreinzucht konnte nur entstehen durch Abkopplung der Hunderasse von ihrem eigentlichen Verwendungszweck. Ein Schicksal, das der Spitz leider mit vielen anderen Hunderassen teilt und das weitreichende Konsequenzen zur Folge hat(te)!

Auch in der kleineren Spitzwelt ging es bunt zu: Zuchtbuchauszug von 1937 (Wurfstatistik):

Wolfsspitze 63 , 34
Großspitze schwarz 6 , 2
Großspitze weiß 4 , 4
Kleinspitze schwarz 76 , 75
Kleinspitze weiß 149 , 167
Kleinspitze braun 26 , 23
Kleinspitze sandfarbig 1 , 1
Kleinspitze blaufuchsfarben 0 , 2
Kleinspitze schwarz-weiß Schecke 2 , 4
Kleinspitze graugewolkt 0 , 1
Kleinspitze blaugrau 2 , 0
Kleinspitze stahlblau 1 , 1
Kleinspitze mausgrau 1 , 1
Kleinspitze goldorange 1 , 3

Man beachte besonders die vielen, heute so gefürchteten, blauen Farbschläge! Und in anderen Zuchtbüchern sind auch noch weitere Farbschläge zu finden.

Im Zuchtbuch Band 13 (herausgegeben im Januar 1933) findet sich außerdem noch der folgende Eintrag:

Laut Beschluß der Generalversammlung zu Frankfurt a.M. 1906 werden alle Größen, Rassekennzeichen, des deutschen Spitzes anerkannt. Die maßgebende Farbeneinteilung ist vorerst folgende:

  1. Große Spitze: a) wolfsfarbige, b) schwarze, c) weiße und d) andersfarbige Spitze.
  2. Kleinspitze bis zu 28 cm Schulterhöhe: a) schwarze, b) braune, c) weiße und
  3. d) andersfarbige Kleinspitze

Besondere Klassen werden auch für die einzelnen Farbenschläge eingerichtet.

Die sogenannten Seidenspitze erkennt der Verein und das Kartell nicht an und bezeichnet sie als Bastard.

[…]

  1. Größe

Wolfsspitze, Rüden und Hündinnen möglichst 45 cm, jede Größe darüber zulässig; je
größer, je lieber, doch darf die Gesamterscheinung nicht unter der Größe leiden. Ein
echter Wolfsspitz soll außer der Farbe auch Größe haben. Bei schwarzen, weißen
und andersfarbigen Spitzen möglichst 40 cm.

B. Der Kleinspitz

Der Kleinspitz hat genau dieselbe Behaarung wie die großen Spitze und unterscheidet
sich von diesen nur durch geringere Größe und entsprechend feinere Bauart. Ohren
wie auch Pfötchen müssen sehr klein und äußerst fein behaart sein.
Farbe: Jede Farbe ist zulässig.
Größe: Höchsten 28 cm, je kleiner, je besser, jedoch keine Krüppel
Gewicht: Nicht schwerer als 7 1/2 Pfund.

Diese Größeneinteilung findet sich auch im 1962 erschienenen Buch von Joseph Hennecke noch.

Auf der 24. Generalversammlung am 24.04.1936 in Köln-Deutz warnte der Obmann der Fachschaft, Herr Dr. Manger, davor, die Kleinspitze zu klein und die Wolfssspitze zu groß zu züchten, um keine Einbuße an Typ und Wesen zu erleiden. Dem wurde allgemein beigepflichtet. Leider, so wurde auch festgestellt, seien die großen weißen und schwarzen Spitze in Zahl und Qualität in den letzten Jahren stark zurückgegangen und die Hoffnung wurde geäußert, die Verbreitung und Zuchtverbesserung dieser vor Jahren so beliebten Arten möge gelingen.

Ebenfalls wurde festgestellt (Zitat):

Unsere Rassekennzeichen sind nach wie vor dieselben, wie sie im Jahre 1900 festgelegt wurden. Wie unser Spitz als urdeutsche Rasse war und ist, so soll er auch bleiben in Form, Wesen und Charakter. Die Aufgabe unserer Züchter muß es sein, diese drei Merkmale beim Spitz zu erhalten und mit Schönheit zu vereinen.

Auf der 31. Generalversammlung am 07.04.1957 in Köln wurde der Wegfall der Farbbezeichnung „andersfarbig“ beschlossen – stattdessen existierte fortan nur noch „grau“ und „orange“.

Mit Beschluss der 35. Generalversammlung des VfDSp am 15.05.1965 in Troisdorf erfolgte die Trennung von Wolfs- und Großspitzzucht.

Im Jahre 1969 wurde mit Beschluss der 37. Generalversammlung des VfDSp (am 22.06.1969 in Frankfurt) der Mittelspitz als weiterer Größenschlag in den Standard eingefügt, 1974 erfolgte schließlich die  Aufteilung der kleinen Spitze in Zwerg- und Kleinspitz.

Sowohl im 1975 erschienenen Buch „Welcher Hund passt zu mir?“ von Dr. Werner Fink, als auch in den 1977 erschienen Büchern „Unsere Spitze“ von Gerda Umlauff und „Der Deutsche Spitz“ von Werner Jäger finden sich übereinstimmend die Varietäten

    • Wolfsspitz 45 – 55 cm,      graugewolkt
    • Großspitz 40 – 50 cm,       schwarz, weiß, braun
    • Mittelspitz 29 – 36 cm,      schwarz, weiß, braun, orange, graugewolkt
    • Kleinspitz 23 – 28 cm,       schwarz, weiß, braun, orange, graugewolkt
    • Zwergspitz bis 22 cm,       schwarz, weiß, braun, orange, graugewolkt, andersfarbig

Nach der Einführung der sehr akribisch verfolgten Farbreinzucht 1958 und Abtrennung der Wolfsspitze von den Großspitzen im Jahr 1965 wurde durch Einfügung zweier neuer Größenschläge (1969 und 1974) der ohnehin schon mehr  als dürftige Genpool besonders der Groß- und Mittelspitze weiter minimiert und durch Verbot der Anpaarung unterschiedlicher Größenschläge, das Schicksal dieser beiden Größenschläge besiegelt!

Insbesondere die Populationen der Groß- und Mittelspitze schrumpften im Verlauf der folgenden Jahre, bzw. Jahrzehnte dadurch zusehends.

Man muss dabei aber berücksichtigen, dass dies ausschließlich die vereinsmäßige Spitzzucht betraf, denn bis etwa zum Ende der 1960er Jahre wurde der große Spitz noch auf vielen Bauernhöfen für den eigenen Bedarf gezüchtet und war dadurch insgesamt doch sehr stark verbreitet. Erst im Rahmen zunehmender Veränderungen in der Landwirtschaft (stärkerer Einsatz von Landmaschinen usw.) und Fokussierung auf Tierschutz beschlossen immer mehr Landwirte, auch einem Tierheim-Hund eine Chance zu geben und ersetzten den Spitz z. B. durch verschiedenste Mischlinge. Als aber die Landwirte dann feststellen mussten, dass ein Mischling nun eben nicht die gewünschten Qualitäten mitbrachte, die sie vom Spitz gewohnt waren, war diese ursprüngliche Landrasse zu ihrem Entsetzen schon fast verschwunden, weil sie sie eben selbst, bis auf wenige Ausnahmen, nicht weitergezüchtet hatten.

Aber zurück zu den „Vereins-Spitzen“:

Bereits in den 1970er/1980er Jahren standen die Großspitze kurz vor dem Aussterben, so dass die letzten noch in der Zucht befindlichen Tiere praktisch nur noch inzüchtig verpaart werden konnten. Züchter von schwarzen Großspitzen verlangten daraufhin immer wieder vom Verein die Genehmigung, ihre Hündinnen mit Wolfsspitzen verpaaren zu dürfen, was aber strikt abgelehnt wurde. Verpaarungen der Hündinnen mit im Ausland zur Verfügung stehenden Rüden wurden i. d. R. ebenfalls vom Verein abgelehnt, da v. A. die osteuropäischen Vereine die vorher auch hier übliche Zuchtstrategie beibehalten hatten, zur Blutauffrischung im Abstand von mehreren Generationen Wolfsspitze einzukreuzen und diese Rüden deshalb in Deutschland zur Zucht nicht zugelassen wurden. Die meisten der noch verbliebenen Züchter von schwarzen Großspitzen in Deutschland gaben daraufhin die Zucht auf, zumal die Hunde unter schwersten Inzuchtschäden litten, Mutterhündinnen kurz nach der Geburt ihrer Welpen verstarben usw. (z. B. Zwinger „von der Kesterburg“, Ehepaar Holzapfel).

Die letzte noch verbliebene Zuchtstätte für schwarze Großspitze war über lange Zeit der Zwinger „von der Beyenburg“ (Margret Weihs-Hecker).

Die Situation der weißen Großspitze war nicht wirklich besser. Allerdings hatte ein niederländischer Züchter („oet et Laand van Aleer“), der übrigens ebenfalls regelmäßig zur Blutauffrischung einzelne Kees einkreuzte, Nachfahren weißer Großspitze aus Südafrika importiert und die Zusammenarbeit deutscher Großspitzzüchter mit diesem wurde seitens des VfDSp nicht ganz so konsequent unterbunden, sodass zumindest in geringem Umfang frisches Blut in die noch verbliebene winzige Rest-Population eingebracht werden konnte. Als ich zu Beginn der 80er Jahre händeringend einen weißen Großspitz suchte, existierte in Deutschland nur noch der Zwinger „vom Seerosenweiher“ (Eyke Schmidt-Rohde), Ende der 80er Jahre kam noch der Zwinger „vom Berg Sonnenhof“ (Ilse Lauermann) dazu. Andere Züchter von weißen Großspitzen verließen später den Verein wieder und züchteten in der Dissidenz weiter (z. B. Zwinger „zum Kaisertrutz“, Ehepaar Simmank)

Schließlich war die Population der Großspitze soweit geschrumpft, dass zwischen 1997 und 1999 nur noch 75 weiße Großspitze geboren wurden und ein einziger schwarzer Großspitzwelpe! (Auch Anfang der 1970er Jahre war bereits nur noch ein einziger Großspitz geboren worden). Inzuchtkoeffizienten von mehr als 30% waren „normal“.

1981 wurde die Einführung des HD-Röntgens im VfDSp eingeführt. Wie der damalige Vorsitzende der HD-Kommission, Herr Helmut Schmidt, auf der Generalversammlung des VfDSp am 01. April 1984 in Oberursel berichtete, mussten bei den bis Ende März 1984 durchgeführten Untersuchungen von Wolfs- und Großspitzen etwa ein Drittel der Tiere als krank eingestuft werden, so dass die Notwendigkeit, aber auch Dringlichkeit der Einführung eines solchen Screeningverfahrens im Nachhinein mehr als bestätigt wurde.

1994 verzichtete die FCI auf einen eigenen Standard für den „Keeshond“, verlangte aber im Gegenzug die Einbindung des Keeshond in den Spitz-Standard, was 1997 erfolgte.

Kurz vor der Jahrtausendwende begannen zunächst einzelne, sehr engagierte Züchter wieder mit der Großspitz-Zucht. Für die schwarzen Großspitze war das der Zwinger „von Kauthen Ruh“ (Roswitha Gross-Lambrecht). Zu dieser Zeit kam auch das Internet auf, das erste Spitzforum wurde eröffnet und sehr schnell begann ein lebhafter Austausch von Spitz-Liebhabern (aller Varietäten und Größenschlage) zur Situation der Großspitze, der schließlich darin mündete, dass zum Einen eine weltweite Unterschriftenaktion zur Erhaltung des Großspitzes durchgeführt wurde mit entsprechender Information der ausländischen Spitzzüchter, zum Anderen sich die erste Gruppe von Neu-Züchtern in einem nicht dem VDH unterstellten Verband (IG Spitze im IHV, Andrea Baumbach) organisierte. Nach und nach folgten weitere. Gleichzeitig begann eine sehr engagierte Wolfsspitzbesitzerin (Astrid Renken), eine Datenbank für Spitze aufzubauen, in der sie die Abstammungsdaten der Spitze sammelte und deren Inzucht- und Ahnenverlustkoeffizienten berechnen konnte. Nachdem sie den ebenfalls sehr engagierten Doggenzüchter Manfred Link, der für die Doggen bereits eine gute Datenbank erstellt hatte, von der Dringlichkeit einer ähnlichen Datenbank für die Spitze überzeugen konnte, begann der Aufbau der heutigen Datenbank. Ohne Astrids Engagement hätten wir dieses wichtige züchterische Instrument heute wohl nicht!

In diesem Zeitraum beschloss der VfDSp zum Entsetzen vieler Züchter der größeren Spitz-Varietäten, das Register zu schließen. Glücklicherweise wurde dieses absurde Ansinnen vom eigenen Dachverband, dem VDH, abgelehnt. Die Unsinnigkeit eines solchen Vorgehens ist auch leider bis heute nicht in die Köpfe mancher Spitzzüchter vorgedrungen, die immer noch versuchen, dies durchzusetzen.

Banja majo no koya und Alena vom Seerosenweiher

Nachdem bereits 2002 in der Schweiz eine Schwarz-Weiß-Verpaarung erfolgte, aus der meine Hündin Banja majo no koya (schwarz mit weißen Abzeichen) hervorging und die leider, vermutlich aus der Tatsache resultierend, dass die weiße Mutterhündin Alena vom Seerosenweiher einer Inzestverpaarung zwischen Orpheus vom Seerosenweiher mit seiner eigenen Tochter Ursina entstammte (die Nachkommen inzestuöser Verpaarungen zeigen meist in der F2-Generation Herzfehler!) und die Anpaarung überdies mit dem selbst hochgradig inzüchtigen schwarzen Falko von der Beyenburg erfolgte, auch zu tragischen Ergebnissen führte, konnte durch die engagierten Züchterinnen Marina Arend und Roswitha Gross-Lambrecht auch in Deutschland nach endlosem Schriftverkehr und gegen viele Widerstände, mit Unterstützung des damaligen Hauptzuchtwartes des VfDSp, Lothar Mende, 2003 schließlich eine Schwarz-Weiß-Verpaarung zwischen der weißen Buffy vom Steingarten und dem schwarzen Brit z Bratislavy durchgeführt werden und erbrachte im Zwinger „von den fidelen Pfoten“ einen Wurf mit drei reinschwarzen Rüden (Draco, Derrick und Django), einem schwarzen Rüden mit grauen Abzeichen und einer schwarzen Hündin mit weißen Abzeichen (Dana).

Buffy vom Steingarten mit Nachwuchs. (DDS Nr. 183, 2004)

Ebenfalls 2003 wurde der Großspitz von der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.) in die Kategorie I (extrem gefährdet) der Roten Liste aufgenommen, der Mittelspitz in die Kategorie II (stark gefährdet)!

Die Züchter und Halter der Mittelspitze mögen mir nachsehen, dass ich die Entwicklung dieses Größenschlages als passionierte Großspitzhalterin nicht so detailliert darstellen kann, weil ich sie einfach nicht verfolgt habe. (Mea maxima culpa!) Entsprechende Informationen nehme ich aber gern entgegen und pflege sie noch ein.

Im Jahre 2006/2007 wurde auf Veranlassung von Züchtern des VfDSp (VDH), die sich einen Überblick über die genetische Situation der verschiedenen Varietäten des Deutschen Spitzes verschaffen wollten, eine „Molekulargenetische Rassedifferenzierung für den Deutschen Spitz“, bekannt auch als „Cluster-Studie“, durch Fr. Dr. Ina Pfeiffer von der Firma Laboklin erstellt. Leider wurden die Ergebnisse der Clusterstudie nie veröffentlicht und damit der breiten Masse von Spitz-Liebhabern und -Züchtern zugänglich gemacht. Dies könnte man natürlich nachholen und es böte eine Möglichkeit, die aktuelle Situation z.B. in einer neuen Clusterstudie zu erfassen und zu vergleichen. Die an dieser Studie vielfach geübte Kritik, sie sei nicht aussagekräftig, bzw. repräsentativ, basiert vorwiegend auf der begrenzten Anzahl der teilnehmenden Züchter. Hierzu sollte man aber bedenken, dass sie zum Einen durch die Spitzzüchter selbst finanziert und zum Anderen auf Basis der untersuchten Hunde definitiv wissenschaftlich sauber durchgeführt wurde. (Ich erlaube mir, dies beurteilen zu können, da ich selbst wissenschaftlich gearbeitet habe und auch entsprechend als Sachverständige tätig war.)

Es hätte nicht nur dem Verein für Deutsche Spitze, sondern selbstverständlich auch den anderen Spitzzüchtern jederzeit frei gestanden, sich daran zu beteiligen und die Studie sowohl in finanzieller Hinsicht, als auch durch das genetische Material weiterer Hunde zu unterstützen – dann wäre mit Sicherheit auch die Datenlage noch fundierter gewesen. Dennoch ist sie sehr aufschlussreich.

Seitdem nehmen die Wurfzahlen der Großspitze sowohl im VDH, als auch in den sog. Dissidenzvereinen zwar langsam, aber stetig zu. Vom Zwinger „Berg Sonnenhof“ wurden 2 American Eskimo-Dogs (Nachfahren großer deutscher Spitze, die von Auswanderern mitgenommen worden waren) aus den Vereinigten Staaten geholt und eingekreuzt. Zwar gab es in diese Rasse, die nach dem 2. Weltkrieg so umbenannt worden war, in der Zwischenzeit Einkreuzungen anderer, leider auch jagender Hunde, in vielerlei Hinsicht sind sie aber unseren Großspitzen, zumindest optisch, noch verhältnismäßig ähnlich. Aus meiner Sicht problematisch war/ist die Tatsache, dass einer dieser Hunde, bei denen differenzierte gesundheitliche Untersuchungen trotz des Protestes verschiedener Züchter unterblieben, prcd-PRA-Träger war und dass die Hunde trotz diverser bestehender Unterschiede 1 : 1 zu Großspitzen umgeschrieben wurden, statt das Einkreuzen auch als solches zu kennzeichnen und nach allgemein anerkannten kynologischen Grundsätzen durchzuführen. Mit dem gleichen Selbstverständnis hätte man auch die Japan-Spitze, statt sie als eigenständige Rasse anzuerkennen und mitzubetreuen, einfach zum Mittelspitz umschreiben können, dem sie sicherlich noch ähnlicher sind, als die American Eskimo-Dogs unseren Deutschen Großspitzen. Auch ihre Vorfahren wurden in früheren Zeiten von Auswanderern mitgenommen.

Darüber hinaus gab es nur sehr vereinzelte Verwendung sog. Registertiere und manche Spitzzüchter nahmen sogar gezielt sog. Zuchtverstöße in Kauf, um die winzige Zuchtpopulation genetisch zu beleben.

Man benötigt nicht wirklich viel gesunden Menschenverstand, damit sich einem der ganze Irrwitz der Tatsache erschließt, dass Züchter mit Strafen ihres Zuchtvereins rechnen müssen, wenn sie die von diesem gezüchtete Rasse vorm Aussterben bewahren.

 

. . . und in Ostdeutschland:

Im Bereich der DDR fanden nach dem Kriegsende zunächst 1948 in Erfurt einzelne Spitzzüchter zusammen, eine Gründung der Zuchtgemeinschaft für Deutsche Spitze in der DDR erfolgte Anfang 1950 und ab 1951 wurde das erste Zuchtbuch herausgegeben. 1960 gründete sich der VKSK (Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter) als Dachverband, dem die einzelnen Rassegruppen als Spezialzuchtgemeinschaften (SZG) zugeordnet wurden.

Auch hier gab es Groß-, Wolfs- und Kleinspitze, wobei die Kleinspitze (insbesondere der Farbe schwarz) den deutlich größten Anteil der Spitze bildete. Bei den Wolfsspitzen konnten bereits in das erste Zuchtbuch 48 Würfe mit insgesamt 229 Welpen eingetragen werden, also einer durchschnittlichen Wurfstärke von etwa 4,8 Welpen/Wurf. Bereits Mitte der 1960er Jahre wurde für Groß- und Wolfsspitze, phasenweise auch für Kleinspitze, das HD-Röntgen verpflichtend eingeführt. Nachdem anfangs eine strenge Selektion darauf stattfand, trat später nur noch sehr vereinzelt und allenfalls mittelgradige HD auf, so dass man zwar das Screeningverfahren lockerte, aber weiterhin Tiere mit mittlerer oder gar schwerer HD nicht zur Zucht zugelassen wurden.

Während anfänglich noch einzelne schwarze und weiße, extrem selten auch braune, Großspitze in der DDR existierten, waren diese in den 1970er Jahren bereits vollständig aus der Zucht verschwunden und wurden erst ab Beginn der 1980er Jahre aus dem osteuropäischen Ausland importiert. Abgesehen vom Einsatz einzelner osteuropäischer Deckrüden wurde die Großspitz-Zucht allerdings hochgradig inzüchtig und inzestzüchtig betrieben.

Mittelspitze waren in der DDR überhaupt nicht vertreten – stattdessen fanden sich eine Reihe übergroßer Kleinspitze. Der 1980 beim VKSK gestellte Antrag auf Zulassung des Mittelspitzes wurde allerdings abgewiesen. Bei verschiedenen Farbschlägen des Kleinspitzes (hauptsächlich orange, graugewolkt und weiß) traten immer wieder Probleme mit der Einhaltung von Standardgrößen und vor allen Dingen sehr viele Zahnfehler auf, die sich aufgrund der sehr engen Zucht in kleinen geschlossenen Populationen stark verbreiteten.

Um die mangelhafte Größe vieler Kleinspitze zu kompensieren, wurde ab 1988 die Zucht von Zwergspitzen ermöglicht. Darüber hinaus erfolgte eine sog. Zuchtwertermittlung durch Vorführung möglichst vieler Jungtiere (7 bis 9 Mon.) zu einer Nachzuchtbeurteilung durch den zuständigen Zuchtwart. Allerdings ist dieses Procedere der Zuchtwertermittlung nicht identisch mit den heute als Zuchtwertschätzung vordefinierten Verfahren!

Nach Öffnung der innerdeutschen Grenze traten 1991 die VKSK-Spitzzüchter der ehemaligen DDR in den Verein für Deutsche Spitze (im VDH) ein.

 

Aktuelle Entwicklung der Zucht

Zucht im VDH

Bei der Beleuchtung der VDH-Zucht von Großspitzen ist sehr positiv zu bewerten, dass dort inzwischen nicht mehr selbst kleinste weiße Abzeichen als absolut zuchtausschließend für schwarze Großspitze behandelt werden und somit mehr Hunde in die Zucht gelangen, sowie auch Schwarz-Weiß-Verpaarungen ohne Einschränkungen gestattet sind und somit zumindest diese beiden Populationen zusammengeführt werden. Der Unterschied ist jedoch allenfalls marginal, da aufgrund der dramatischen Zuchtumstände beide (!) Großspitz-Populationen auf nur noch wenige Tiere zusammengeschrumpft waren, so dass genau diese Tiere auch in praktisch jeder Ahnentafel vorhanden sind.

Das heißt, dass das genetische Material dieser Tiere zwar vervielfacht wurde, im Prinzip aber nichts entscheidend Neues hinzugekommen ist. Die Folge ist ein enormes Maß an Homozygotie.

Homozygotie hat zwar den Vorteil, dass sich bestimmte besonders heritable Merkmale wie das Exterieur der Hunde verhältnismäßig leicht züchterisch bearbeiten lassen, birgt aber auf der anderen Seite gleichzeitig das Risiko abnehmender Fitness der Rasse insgesamt.

Ebenfalls sehr positiv ist, dass die Zucht brauner Spitze wieder gelungen ist. Zunächst, 2007, durch Anpaarung eines schwarzen Großspitzrüden mit einer braunen Mittelspitzin, 2011 auch durch Re-Aktivierung alten Erbgutes aus einer reinen Großspitz-Verpaarung.

Im VfDSp wird, nachdem vereinzelt sog. „blaue“ Großspitze gefallen sind, aus Sorge, dass diese Hunde anfällig sein könnten, an der sog Farbmutanten-Alopezie, auch als Color Mutant Alopecia (CMA) oder Black Hair Follicle Dystrophia (BHFD) bezeichnet, zu erkranken, die Zucht mit Hunden eingeschränkt, die Träger des rezessiven Dilute-Gens sind. Auf diese Weise kann man sicherlich einer solchen Erkrankung vorbeugen. Andererseits ist dieser Farbschlag bei manchen Hunderassen sehr verbreitet, bzw. gehört sogar zu den Standard-Farbschlägen und keineswegs bei allen Rassen scheint die Erkrankung ausschließlich an diesen einzigen Farb-Locus gebunden zu sein. Studien dazu laufen noch. Da aber durch diese Zuchtauflagen im VDH dem Fallen weiterer blauer Spitze vorgebeugt wird, kann leider auch nicht untersucht werden, ob der Spitz überhaupt zu den Rassen gehört, bei denen eine solche sog. Defekt-Kopplung vorliegt und von dieser Erkrankung betroffen sind. Gleichzeitig wird die Auswahl geeigneter Zuchtpartner dadurch enorm erschwert.

In Anbetracht der Vielzahl blauer Spitze, die (wie oben belegt) in früheren Zeiten und selbst bis in die 1960er Jahre sogar standardgemäß (Farbe „blau“ wurde 1906 als Standardfarbe anerkannt, s.o.) noch gezüchtet wurden, halte ich es aber für wesentlich naheliegender, dass der Spitz zu genau den Rassen gehört, bei denen die blaue Farbe nicht an ein Defektgen gekoppelt ist!

Nachdem die Großspitzzüchter vor einigen Jahren einen offenen Brief an ihren Vorstand und die Mitglieder gesandt haben, in dem die desolate Situation der Großspitzzucht dokumentiert wurde, wurde inzwischen ein Zuchtprogramm zur Erhaltung der braunen, weißen und schwarzen Groß-, Mittel- und Kleinspitze eingeführt, das sicherlich noch Wünsche offen lässt, insgesamt aber bereits einen enormen Schritt in die richtige Richtung aufzeigt.

 

Zucht außerhalb des VDH / Dissidenzzucht

Die Großspitz-Zucht außerhalb des VDH unterliegt einem wesentlich lockereren Reglement. Dadurch bedingt sind in den letzten Jahren dort zunehmend „bunte“ Spitze aufgetaucht mit durchaus hübschen Scheckungen. Sicherlich eine willkommene Bereicherung und Neu-Belebung der Farbenvielfalt der früheren Spitze.

Gleichzeitig fällt aber auf, dass diese Hunde wesentlich uneinheitlicher werden (bei manchen Hunden kann man beim besten Willen nicht mehr sagen, welche Rasse es nun wohl sein soll), insbesondere extreme Variablen hinsichtlich der Größe aufweisen und das Ausmaß der Scheckung zunimmt. Soweit ich genetische Untersuchungen, vor allem der Farb-Loci, einsehen konnte, weisen diese Hunde trotz alledem ein fast schon erschreckendes Ausmaß an Homozygotie zumindest dieser Gen-Abschnitte auf.

Die an dieser Stelle bisher befindliche Gegenüberstellung von Fotos eines in der Dissidenz gezüchteten Großspitzes und eines fast identisch aussehenden Bordercollies wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen entfernt.

Die Entfernung von Fotos ändert jedoch nichts an der Realität zu gering ausgeprägter oder fehlender rassetypischer Erscheinungsmerkmale!

In Kombination mit der in den letzten Jahren (nicht nur außerhalb des VDH!) immer mehr vernachlässigten Berücksichtigung spitztypischer Wesensmerkmale, wie z. B. fehlender Jagdtrieb und Zurückhaltung gegenüber Fremden entstehen so völlig andere Hunde, die weder optisch, noch charakterlich mit dem eigentlichen Spitz Gemeinsamkeiten aufweisen!

Verpaarungen werden nicht nur unter verschiedenen Größen- und Farbschlägen durchgeführt, sondern erfolgen auch zwischen Groß- und Wolfsspitzen. Dies ist sicherlich im Hinblick auf Zunahme genetischer Vielfalt sinnvoll, sollte aber möglicherweise doch besser koordiniert werden, um nicht am Ende ein vollkommen ungleichmäßiges und uneinschätzbares Gemenge von Hunden zu produzieren. Man sollte nicht vergessen, dass Käufer sich unter Anderem meist deshalb für einen Rassehund entscheiden, weil Wesen, Größe und Aussehen mehr oder weniger vorhersagbar sind, bzw. sein sollten. Wenn bei einem Spitz dann aber nicht mehr abschätzbar ist, ob er am Ende ein Stockmaß von 40 oder über 60 cm hat, ob er jagt oder nicht usw., kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass nicht wenige Käufer dann lieber einen anderen Hund wählen, bei dem das möglich ist. Denn für die Haltung in einer Mietwohnung kann ein solcher Größenunterschied von entscheidender Bedeutung sein.

Mit besonderer Spannung darf darum der Versuch einer Züchterin verfolgt werden, die sich mit besonderer Hingabe der Zucht einer bislang (wahrscheinlich nicht nur mir) unbekannten Varietät des Fuhrmannsspitzes widmet, der neben seiner bekannten Wachsamkeit nicht nur besonders groß war und die Karren selbst zog, anstatt nur faul darauf mitzufahren, und extrem große Ohren hatte, wie sie zu berichten weiß (wurde schon von den Gebr. Grimm erwähnt: „Großmutter, warum hast Du so große Ohren?“). Eine entsprechende Hündin aus ihrer Zucht (fast 60 cm) erhielt inzwischen wohl auch die Zuchtzulassung. Ich bin ganz optimistisch, dass sie den kleinen Schönheitsfehler der noch etwas bellenden Stimme in den nächsten Generationen noch auszumerzen schafft. Meines Wissens sind sie hier nur unter einem anderen Namen etwas bekannter…

Gleichzeitig gehen dem Spitz durch zunehmende Körpergröße eine Reihe sehr typischer Eigenschaften/Fähigkeiten verloren, wie z. B. seine enorme Schnelligkeit und Wendigkeit oder auch das sehr typische leichtfüßige Tänzeln auf den Hinterläufen.

Genotypisch sind aber auch die Großspitze der sog. Dissidenz im Wesentlichen auf die gleichen sehr wenigen Zuchttiere zurückzuführen. Ein „wildes“ Durchmischen der Gene von Mittel-, Groß- und Wolfsspitzen aller Farben ist wenig zielführend im Hinblick auf die Erhaltung des Groß- und/oder Mittel-Spitzes und definitiv nicht zu verwechseln mit plan- und maßvollem (!) Einkreuzen einer verwandten Varietät.

Durch mehr oder weniger unkontrolliertes Verpaaren möglichst starker Schecken läuft man überdies auch Gefahr, sog. Extremschecken zu züchten mit entsprechenden Defekt-Kopplungen, die in der Folge zu Taubheit und anderen schweren Beeinträchtigungen der Hunde führen können.

In der Dissidenz gezüchteter junger Rüde (deutlicher Pigmentmentverlust u. A. am Lidrand)

Der gleiche junge Rüde (Pigmentverlust an den Lefzen)

Hündin mit Albinismus

 

 

 

 

 

 

 

 

Einfarbige Groß- und Mittelspitze, die zu allen Zeiten das Gros der Population ausmachten, werden so nicht vor dem Aussterben bewahrt, sondern dies wird sogar noch forciert.

Es wurden Einkreuzungen ausländischer Spitzrassen vorgenommen (leider allerdings nicht unter Berücksichtigung der für Kreuzungszucht maßgeblichen kynologischen Grundlagen), deren Ergebnisse abzuwarten bleiben (eine genaue Dokumentation und explizite Ergebnis-Analyse liegt hier nicht vor, wäre aber wünschenswert). Inzwischen findet sich zumindest hier („Erhaltungszucht des Deutschen Spitzes“ – EZS) eine, wenn auch noch sehr oberflächliche, Strukturierung des Ganzen. Nachdem hier zunächst eine Hündin zur Weiterzucht genutzt wurde (was zunächst einmal den kynologischen Regeln zur Einkreuzung widerspricht), scheint dieses Projekt nun in geordnete Bahnen zu kommen, so dass die Ergebnisse abzuwarten bleiben. Dies betrifft insbesondere den Jagdtrieb, denn der Schwedische Lapphund ist, wie leider fast alle ausländischen Spitz-Verwandten, ein Jagd- und Wachhund (siehe: FCI-Rasssestandard). Sofern natürlich die weitere Einkreuzung nur noch über Rüden erfolgt und ausschließlich nicht-jagende Deutsche Großspitzinnen gedeckt werden (zzgl. einer, den Jagdtrieb nicht begünstigenden, Aufzucht), ist diese Einkreuzung sicherlich vielversprechend.

 

Massenzucht mit Defektgenen

Ein dritter, nicht zu unterschätzender Faktor, ist die wahrhaft massenhafte Produktion von Spitzen aller Größenschläge mit Merle-Gen durch eine ehemalige(!!!) Vereinszüchterin. Dies hat zur Folge, dass jeder seriöse Züchter einen Hund ausschließlich dann zur Zucht einsetzen kann, wenn er negativ auf den Merle-Faktor getestet ist. Das Auskreuzen mit papierlosen, aber oft hervorragenden, Spitzen vom Bauernhof ist also nicht mehr so einfach möglich, wie es einmal war.

Insbesondere zum Merle-Gen sollte man wissen, dass die landläufig verbreitete Vorstellung, dass nur reinerbige Merle-Hunde unter Fehlbildungen und gesundheitlichen Einschränkungen leiden würden, unzutreffend ist. Auch mischerbige Merle-Hunde (bis zu 30%) können unter massiven Einschränkungen des Seh- und Hörvermögens leiden bis hin zur Taubheit!

 

Zusammenfassung (aktuelle Situation)

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt existieren, von Massenzuchten abgesehen, für die Großspitze im Wesentlichen zwei Zuchtpopulationen, die vollkommen getrennt voneinander sind und aller Wahrscheinlichkeit nach beide einen hohen Anteil homozygoten Erbmaterials (=Verarmung des Genpools) aufweisen, weil sie sich gleichermaßen auf einen einzigen winzigen Genpool zurückführen lassen. Beide bilden aber voneinander isolierte und in unterschiedlichem Ausmaß in sich geschlossene Zuchtpopulationen.

Ein sehr wichtiger Grundsatz der Populationsgenetik besagt, dass die Abnahme der genetischen Varianz in einer geschlossenen Population irreversibel ist.

 

Hinsichtlich züchterischen Vorgehens und züchterischer Schwerpunkte lassen sich sowohl für die Zucht im VDH, als auch außerhalb Vor- und Nachteile finden, wobei leider außerhalb des VDH immer mehr „aus dem Ruder“ zu laufen scheint (aber Fehler lassen sich natürlich korrigieren! 😉 )

Grundsätzlich ist es im Sinne der Populations-Genetik jedoch für den Erhalt einer vom Aussterben bedrohten Hunderasse eher kontraproduktiv, diese Rasse in zwei geschlossenen und verhältnismäßig kleinen Populationen zu züchten ohne Möglichkeit der Diffusion.

Es sollten also Möglichkeiten diskutiert werden, wie ein (genetischer) Austausch zwischen diesen Populationen ermöglicht werden kann (beispielsweise verstärkter und erleichterter Einsatz von Registerhunden), um die Gesundheit/Fitness der Hunde zu steigern und somit den Fortbestand der Rasse zu sichern und welche Handlungsstrategien auch vereinsübergreifend entwickelt werden können, um Probleme zu bekämpfen, die die gesamte Population gleichermaßen betreffen und gefährden (z.B. Matadorzucht durch besonders eifrige Deckrüdenbesitzer, die ihre Rüden vereinsübergreifend alles decken lassen, was nicht bei „Drei“ auf dem Baum ist).

Da erfahrungsgemäß die genetische Drift beider Populationen relativ schnell und stark zum völligen Auseinanderklaffen und weiterer genetischer Verarmung führen wird, sollte dies auch in absehbarer Zeit erfolgen und nicht, wie in der bisherigen Zuchtgeschichte der Spitze, erst dann, wenn es fast schon zu spät ist!

 

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