Das Drama schlechter Zucht

Schlechte Zucht ist für Mensch und Tier immer ein mehr oder weniger großes Drama.

Das betrifft keineswegs nur Leute, die ihre Hunde „nachts auf Autobahnraststätten“ gekauft haben, sondern zunehmend Menschen, die den Werbesprüchen und Pokalen von (auch international anerkannten und angesehenen) Rassezuchtvereinen und seiner Züchter – zugegeben, etwas blauäugig – geglaubt und sich ein neues Familienmitglied geholt haben, das nun sehr krank oder behindert ist, sie in ungeplant hohe Kosten für Tierarztbesuche stürzt und ihnen wenig Freude, sondern im Gegenteil sehr viel Leid und Traurigkeit bringt.

Was mich häufig irritiert, ist die Tatsache, dass die Besitzer solcher Tiere nicht selten regelrecht Angst zu haben scheinen, die Herkunft ihrer kranken Tiere tatsächlich offenzulegen. Aber nur das konsequente Offenlegen solcher Zuchtpraktiken, die im Grunde gegen das Tierschutzgesetz verstoßen, kann solchen Züchtern und Zuchtvereinen letztendlich das Handwerk legen!

Selbstverständlich kann es auch einem guten Züchter passieren, dass einmal ein krankes, bzw. behindertes Tier bei seiner Zucht auf die Welt kommt – die Natur geht eben auch ihre eigenen Wege. Dann sollte er verantwortungsvoll genug sein, dem Käufer das nicht nur vor dem Kauf mitzuteilen, sondern das Mitgeteilte, Art und Umfang der Beeinträchtigung des Welpen, in einem Kaufvertrag festzuhalten. Auch Züchter haben in der Zwischenzeit eine Garantieverpflichtung. Und entsprechend dieser Garantieverpflichtung ist es heute durchaus möglich, einen Züchter für Schäden, die eindeutig und nachweisbar(!) auf seine Zucht zurückzuführen sind, finanziell in Haftung zu nehmen. Wurde der Käufer also vor dem Kauf entsprechend informiert und dies im Kaufvertrag dokumentiert, so schützt der Vertrag den Züchter selbstverständlich vor der Haftung für dieses entsprechende Problem, da er es dem Käufer ja bewusst einen gesundheitlich beeinträchtigten Welpen gekauft hat. Wurden dagegen im Kaufvertrag keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigungen des Welpen aufgeführt, so ist davon auszugehen, dass der Welpe dem Käufer als gesunder Welpe verkauft wurde. Stellt sich dann im Nachhinein heraus, dass der Welpe z.B. einen angeborenen Herzfehler hat oder taub ist, so haftet der Züchter nicht nur hierfür (ggf. auch für daraus resultierende finanzielle und anderweitige Folgen), sondern hat sich auch eines Betruges schuldig gemacht, sofern ihm nachzuweisen ist, dass er bereits vor dem Verkauf des Welpen, z.B. durch eine tierärztliche Untersuchung, von diesem Geburtsfehler wusste.

Dieser rechtliche Aspekt wird heutzutage leider viel zu selten von Käufern geltend gemacht. Auf diese Weise kann man allerdings nur teilweise Haftung für finanzielle Aufwendungen geltend machen. Das mit dem gesundheitlichen Schaden des Tieres verbundene Leid bleibt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich möchte niemanden abschrecken, sich einen Hund anzuschaffen, sondern nur davor warnen, sich auf unseriöse Züchter und Zuchtvereine einzulassen, ganz gleich, mit wie vielen Pokalen, Urkunden und Preisen sie sich auch schmücken mögen.

Wichtig!

Umgekehrt besagen aber viele Pokale, Urkunden und Preise keineswegs, dass der betreffende Züchter ein schlechter Züchter wäre!!! Ein wirklich gesunder Hund macht natürlich auch auf einer Ausstellung eine gute Figur. (Auf der Seite „Ein Silberstreif am Horizont“ habe ich z.B. Seiten verlinkt, auf denen durchaus gute Ausstellungsbewertungen der Hunde aufgeführt sind – aber gleichzeitig kann man die weitaus wichtigeren und vielsagenderen Laboruntersuchungen, Aussagen über Inzuchtkoeffizienten usw. einsehen! – So und nicht anders geht gute Zucht!)

Pokale und Championate sind also nicht allein seligmachend – man kommt nicht darum herum, den Züchter seiner Wahl selbst sozusagen „auf Herz und Nieren“ zu überprüfen.

Und letzten Endes kann auch ein absolut gesund gezüchteter Hund einen Unfall erleiden oder schwer erkranken.

Ich habe im Laufe der vielen Jahre, in denen ich Hunde halte, leider Dutzende Dramen erlebt, die m.E. Ergebnis von Überzüchtung/Inzuchtdepression waren und bei vernünftiger Zucht vermeidbar gewesen wären. Im Allgemeinen werden als typische Beispiele für Qualzucht gern die Möpse und Französischen Bulldoggen genannt, wobei es auch bei diesen Hunderassen inzwischen schon bei diversen Züchtern ein Umdenken gegeben hat. Keineswegs beschränkt sich Qualzucht aber auf zu kurze Nasen! Auch Hunde, die aufgrund extremer Verzwergung kein oder ein viel zu dünnes Schädeldach haben, Hunde, die sich nicht mehr normal fortpflanzen können, weil die erheblich zu groß gezüchteten Köpfe der Welpen nicht mehr durch das Becken der Mutterhündin passen sind Qualzuchten! Bei Hunderassen, die eine extrem kleine Ringelrute (Möpse, Bulldoggen, Boston Terrier; usw. usf.) haben kommt es nicht selten zu sog. Keil-, Schmetterlings-, Block- und Übergangswirbeln, also schmerzhaften und folgenreichen Missbildungen der Wirbelsäule; bei Rhodesian Ridgebacks (mit Ridge) findet sich eine andere erbliche Fehlbildung der Wirbelsäule, der Dermoid Sinus und das Cauda equina-Syndrom. Traurige Berühmtheit erlangt haben natürlich auch die Schäferhunde mit „Fließheck“, die praktischerweise die Beine nicht wirklich unter, sondern hinter ihrem Körper haben! In den unten verlinkten Dokumentationen werden noch andere üble Züchtungen gezeigt.

Warum schreibe ich als Spitz-Besitzerin denn nun über so etwas? Das betrifft mich doch alles gar nicht! Oder vielleicht doch?

Ja, es betrifft mich!!!

Auch beim Spitz und seinen Verwandten gibt es Qualzucht! Zwergspitze und Pommeranian werden meist mit geöffnetem Schnäuzchen und vorn nach oben gebogener Zunge gezeigt. Und genau das ist ein typisches Zeichen für Atemnot! Die kleinen Kerlchen haben nämlich ebenfalls immer kürzere Schnauzen und können darüber hinaus voll Fell kaum noch aus den kleinen Äuglein gucken. Sie heizen sich also sehr schnell sehr stark auf und können sich durch Hecheln nicht ausreichend abkühlen. Ein zweites Problem bei kleineren Spitzen ist die starke Verbreitung der Patella-Luxation (PL), bei der die Kniescheibe dauernd herausspringt. Obwohl die Zucht mit stark belasteten Tieren untersagt ist, findet sie doch immer wieder statt. Auch den größeren Spitzen wird immer mehr Fell angezüchtet – am extremsten den Wolfs-, und Zwergspitzen. Auch bei diesen kommt es daher leicht zur Überhitzung und in der Folge zum Hitzschlag. Insbesondere bei weißen Spitzen (wie auch bei anderen weißen Hunden, z.B. Westies, weiße Pudel usw.) finden sich sehr häufig missgebildete oder sogar gänzlich fehlende Tränenkanäle. Wer das nicht als Quälerei sieht, sondern als bloßen „Schönheitsfehler“, dem empfehle ich dringend den Besuch in einer Augenklinik. Das Problem tritt nämlich auch beim Menschen gelegentlich auf und die Betroffenen können – im Gegensatz zum Hund – erzählen, wie sie das empfinden. Neuerdings werden auch Spitze mit einem Merle-Faktor gezüchtet. Dies ist ein genetischer Defekt, der früher vorwiegend bei englischen Hütehunden verbreitet war, neuerdings aber selbst bei Dackeln und eben auch Spitzen zu finden ist. Dieser Gen-Defekt führt bei Reinerbigkeit zu Taubheit, Fehlbildungen der Augen und/oder zum sehr frühen Tod des Hundes. Einen Defekt wie den Merle-Faktor in eine bislang davon unbelastete Hunderasse neu hineinzukreuzen ist m. E. ein Verbrechen an der betroffenen Rasse. So gibt es selbst hier in Deutschland eine regelrechte „Hundefabrik“, in der massenweise Spitze mit Merle-Faktor in allen Größenschlägen produziert (den Begriff „züchten“ möchte ich in diesem Zusammenhang nicht benutzen) und anschließend über Kleinanzeigen verhökert werden! Sinnigerweise werden dort die Tiere präsentiert wie in einem Spielzeugladen früher die Monchichis. Nur, dass ein Hund eben kein Spielzeug ist, sondern ein lebendiges Wesen!!!

Sicherlich kann man diese Liste noch erweitern, aber ich möchte hier noch auf ein ganz wesentliches Problem hinweisen: Inzucht und Inzestzucht.

Inzucht und Inzest sind nicht grundlos beim Menschen verboten. Sie führen zu schwersten Missbildungen, Krankheitsanfälligkeit und Verkürzung der Lebenszeit. Sie ist m. E. die bei Tieren aus Rassezuchtvereinen übelste und am weitesten verbreitete, weil systematisch praktizierte und offenbar gesellschaftsfähig gewordene Form der Qualzucht und sollte daher systematisch bekämpft werden. In den Vereinen selbst wird in diesem Zusammenhang dann gern die das eigentliche Problem verschleiernde Bezeichnung „Linienzucht“ verwendet.

 

Im Tierschutzgesetz gibt es zu Qualzucht und Inzucht/Inzestzucht unmissverständliche Vorgaben:

§ 11 b TierSchG

(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung

    1. bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
    2. bei den Nachkommen
      1. a) mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
        b) jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
        c) die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.
  1. […](4) Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates
        1. die erblich bedingten Veränderungen und Verhaltensstörungen nach Absatz 1 näher zu bestimmen,
        2. das Züchten mit Wirbeltieren bestimmter Arten, Rassen und Linien zu verbieten oder zu beschränken, wenn dieses Züchten zu Verstößen gegen Absatz 1 führen kann.

     

Eine Reaktion der Politik im Sinne der Umsetzung des Tierschutzgesetzes in die Realität ist mehr als überfällig!!!

 

Zum Thema Qualzucht gibt es auch eine ganz hervorragende BBC-Dokumentation, die aber leider über YouTube nicht mehr verfügbar ist und die ich darum auch nicht verlinken kann. Aber auch andere Dokumentationen beleuchten die Problematik sehr gut und sollen darum hier verlinkt sein:

„Das Geschäft mit der Hundezucht“     Teil 1      Teil 2     Teil 3

 

Die Story: Reine Rasse volle Kasse – Das Geschäft mit der Qualzucht

 

 

Ist es da vielleicht besser, sich einen Mischling ins Haus zu holen? Sind Mischlinge gesünder als Rassehunde?

Der Vorteil eines vernünftig, also gesund gezüchteten Rassehundes besteht darin, dass man bestimmte (nicht alle) Eigenschaften dieses Hundes vorhersagen können sollte. Bei einem Spitz beispielsweise könnte das das fehlende Jagdverhalten betreffen. Als zukünftiger Hundehalter kann man also mitunter besser vorhersagen, wie sich das Verhältnis zwischen Hund und Besitzer entwickeln wird. Sinnvollerweise sollte man dann aber auch nicht nur darauf achten, ob der Hund die Eigenschaften mitbringt, die man selbst erwartet – man sollte mindestens ebenso sehr darauf achten, welche Bedürfnisse der Hund hat. Einen Magyar vizsla oder Weimaraner anzuschaffen, der weder jagdlich geführt, noch anderweitig gleichwertig beschäftigt werden kann (dauerhaft!) ist ebenso unsinnig, wie ein Schlittenhund, der einmal täglich einen etwas längeren Spaziergang macht oder ein Beagle, der als ausgeprägter Meutehund zu einem traurigen Solistendasein verdammt ist. All diese Hunde wurden für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet, die man kennen muss, wenn man selbst und auch der Hund glücklich werden will/soll.

In dieser Hinsicht ist ein Mischling natürlich ein Überraschungs-Ei. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Es gibt wundervolle und auch wirklich glückliche Mischlinge.  (Ich persönlich finde übrigens die Bezeichnung „Promi“ als Abkürzung für Promenaden-Mischung eine schöne, weil fast adlig anmutende Bezeichnung)

In Bezug auf das zu erwartende Wesen des Hundes kann man manchmal grobe Voraussagen machen, je nachdem, wie gut man die individuelle Mischung bestimmen kann oder sogar kennt. Da beispielsweise der größte Teil der Hunde Jagd- oder Hütehunde sind, ist es wahrscheinlich, dass auch der Mischling Arbeits-Eigenschaften dieser Hunde mitbringt. Grundsätzlich sollte man aber bei einem Mischling bereit sein, sich flexibel auf verschiedene Eigenarten und Fähigkeiten einzulassen.

Dass ein Mischling immer gesünder wäre als ein Rassehund ist eher ein Gerücht. Allerdings ein weit verbreitetes. Denn leider können Mischlinge erbkrank-gezüchteter Eltern auch die Erbfehler beider kranken Eltern miteinander vereinen und dann ist das Drama besonders groß. Das muss nicht sein. Kann aber.

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